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Michael Reindl ist Grafikdesigner und Type Designer, der von seinem Homeoffice in Gallneukirchen aus neue Schriftarten realisiert. Er verrät, was (gutes) Typedesign ist und er erzählt von seinen typografischen Highlights der letzten Jahre. Der kreative Kopf hinter dem Rebranding der Palmers Grotesque-Font spricht auch darüber, was es bedeutet eine neue Schrift zu entwickeln und welche Kriterien eine gute Schrift erfüllen soll. Warum er gerade das kleine „a“ so spannend findet und warum Geduld eine der wichtigsten Tugenden eines Type Designers ist, erfährt ihr in der 18. Ausgabe der Creative Coffee Break der CREATIVE REGION. 

Creative Coffee Break #18 mit Michael Reindl zum Nachlesen

CREATIVE REGION: Was macht Michael Reindl?

Michael Reindl: Als normaler Grafikdesigner mache ich hauptsächlich Bücher, Magazine, Logos und Letterings, Leitsysteme, manchmal eine kleine Ausstellung, Brandings – immer mit einem Fokus auf Typografie, würde ich sagen. Und als Type Designer eben Schriften und Corporate Fonts, Custom Fonts für Kunden auf Anfrage.

CREATIVE REGION: Was versteht man unter Typedesigner?

Michael Reindl: Der Unterschied zwischen Lettering und Type Design ist, dass man beim Type Design einen ganzen Schriftsatz macht und das Lettering meistens nur Buchstaben, einen Schriftzug macht. Logo und Lettering ist sehr ähnlich.

CREATIVE REGION: Wie kam es zu deiner Spezialisierung als Type Designer?

Michael Reindl: Ich habe zu einer Zeit in Linz auf der Kunstuni Linz studiert, in der gerade irgendwie ein Wechsel war. Marek Freudenreich, Leiter des Grafikdesign-Instituts, war gerade dabei zu gehen und Tina Frank war noch nicht da. So hat man relativ frei studieren können. Ich habe bei der Bachelorarbeit schon die erste Schrift digitalisiert und bin so immer mehr in diese „Type Design World“ hineingerutscht. Zur Masterarbeit habe ich dann eine Schriftfamilie gezeichnet. Nach dem Studium war ich dann ziemlich oft bei Workshops im In- und Ausland, bei denen es wirklich nur um Type Design oder die Technik ging. Wobei einem Kurvenzeichnen eigentlich nur schwer jemand lernen kann, das muss man durch Learning by Doing machen – aber eben Technik-Workshops in Wien, Prag, usw.

CREATIVE REGION: Welche ExpertInnen und Ressourcen sollten NeueinsteigerInnen kennen?

Michael Reindl: Wenn man in diese Richtung gehen will und man ist in Österreich zu Hause, dann sollte man Kontakt zu Rainer Erich Scheichelbauer aufnehmen. Er ist zum einen ein super Pädagoge, zum anderen wahrscheinlich einer der besten Font-Techniker in Europa. Es gibt ein paar Websites, die man besuchen kann, die Website von glyphsapp.com, dort gibt es super Tutorials für den Einstieg ins Type Design, technisch wie auch fürs Zeichnen der Buchstaben selbst. TypeDrawers ist eine amerikanische Plattform, eigentlich eine internationale Plattform, wo man sicher gute Anregungen findet und gute Kontakte, wenn man Hilfe braucht. Und ansonsten ist die Type-Welt größer geworden. Es gibt im deutschsprachigen, mitteleuropäischen Raum Dutzende Foundries, Dutzende gute Typedesinger, die mit ihren Fähigkeiten sicher nicht geizig sind und das gerne an die Nächsten weitergeben. Das ist so eine kleine Community und eigentlich kennt sich fast jeder. Da sind Neueinsteiger total willkommen, zumindest war das bei mir so.

CREATIVE REGION: Was waren deine typografischen Highlights der letzten Jahre?

Michael Reindl: Die Zusammenarbeit mit OrtnerSchinko am Branding vom Oberösterreich Tourismus sicher. Da hat Wolfgang Ortner als wunderbarer Artdirector schon super Vorlagen gehabt, super Vorstellungen. Er ist mit einem Entwurf gekommen und hat eigentlich nur mehr die Reinzeichnung vom Logo gebraucht. Was wir noch gemeinsam gemacht haben war das typografische Consulting dahingehend welche Schrift man für den Fließtext verwendet, wie man sie anwendet, wie man eine Schrift auswählt, nach welchen Kriterien, z. B. muss die Schrift auch Russisch unterstützen oder reicht es, wenn sie nur Deutsch, Englisch und Französisch spricht, was in diesem Fall, glaube ich, so war.

Welche Highlights gab es noch: Die Veröffentlichung von Palmers Grotesque, die Hausschrift für Palmers, ein Schriftschnitt, der nur für Displayzwecke verwendet. Die Werbeagentur hat das alte Palmers-Logo wieder eingeführt und ist auf mich zugekommen, mit dem Auftrag die sieben Buchstaben des Palmers-Logos auf eine ganze Schrift auszuweiten. Ich sollte das machen und ich habe gesagt: „Ja, kann ich machen.“ Das war ein total netter Job, weil das Logo in den 20er-Jahren in Innsbruck entstanden ist. Palmers hatte den Hauptsitz in Innsbruck. Ich habe dann ein bisschen recherchiert, wer das Logo damals hätte zeichnen können. So habe ich auch ein wenig in die Tiroler Grafikdesign-Geschichte eintauchen können.

Ein weiteres Highlight ist sicher das Café Gerberei, das wahrscheinlich das erste Café in Linz oder Oberösterreich ist, das eine eigene Schrift hat. Das ist irgendwie ein Pro-bono-Projekt. Aus dem Lettering ist ein Logo entstanden und aus dem Logo heraus habe ich nach und nach Buchstaben hinzugefügt, sodass man jetzt schon fast alles schreiben kann. Das ist total nett, weil die Schrift, in der wir es gesetzt haben, ist so stark, dass wenn man Gutschein hinschreibt, Gerberei nicht mehr hinschreiben muss, weil die Schrift so stark ist, dass automatisch Gerberei mitkommuniziert wird. Das ist schön, einfach und gut geworden.

CREATIVE REGION: Was macht für dich eine gute Schriftart aus?

Michael Reindl: Jede Schrift muss einen gewissen Zweck erfüllen. Es gibt Schriften, die müssen im Fließtext gut funktionieren und es gibt Schriften, bei denen es reicht, wenn sie in Überschriften gut funktionieren. Man muss sich immer mit dem jeweiligen Projekt auseinandersetzen und sich fragen: „Was muss die Schrift können und reicht das für mein Projekt?“. Dann gibt es noch andere Kriterien, wie die Lesbarkeit, Qualität der Zeichnung der Buchstaben, Kerning.

CREATIVE REGION: Welche Eigenschaften sollten gute Type DesignerInnen mitbringen?

Michael Reindl: Geduld wahrscheinlich. Geduld, keine Angst vor Schwarz-Weiß und wahrscheinlich die Muße, dass man sich an ein Projekt auch mehrere hundert Stunden setzt und manchmal fast meditativ dahinzeichnet. Und auch, dass man auf alles ein Auge wirft, sei es der Punkt, die Anführungszeichen oder der Weißraum zwischen den Anführungszeichen.

CREATIVE REGION: Wie lange dauert es, um eine Schrift zu entwickeln?

Michael Reindl: Für einen Schriftschnitt in Basic Latin-Sprachunterstützung würde ich mindestens 250 Stunden rechnen. Ich biete meistens dieses Basic-Latin-Paket in einer Pauschale an, dazu kommen noch Extras, was die Schrift können muss, z. B. mehrere Ziffernsysteme, erweiterte Sprachunterstützung. Dann kommen noch die Lizenzen dazu und die Nutzungsrechte und dann ist man auf einem Preis pro Schnitt. Wenn man mehrere Schnitte braucht, z. B. einen fetten oder kursiven Schriftsatz, dann verdoppelt oder vervielfacht sich das dann. Im Austausch mit anderen Type Designern hat sich herausgestellt, dass man rund eine Stunde an einem Buchstaben zeichnet oder damit verbringt. Bei Punkt und Komma ist man natürlich schneller, aber es gibt eben auch Buchstaben, die schwieriger, langwieriger und aufwendiger zu zeichnen sind, z. B. das ß oder stilprägende Buchstaben wie A und E.

CREATIVE REGION: Dein Lieblingsbuchstabe?

Michael Reindl: Das kleine a, aus dem einfachen Grund, weil es sehr oft vorkommt. Man sieht es im Fließtext einfach oft und es ist ein sehr stilprägender Buchstabe, der in der Schriftgestaltung total wichtig ist.

CREATIVE REGION: Welches Projekt würdest du gerne mal umsetzen?

Michael Reindl: Ein Traumprojekt wäre die Veröffentlichung eines Retail-Fonts, den jeder kaufen kann. Nicht speziell für einen Kunden gezeichnet, sondern ein Retail-Font, der verkauft wird.

CREATIVE REGION: Du arbeitest im Homeoffice. Hast du Produktivitätstipps?

Michael Reindl: Für mich persönlich ist es sehr wichtig, bald aufzustehen. Ich stehe um sechs auf und fange relativ zügig zu arbeiten an. Ich habe für jeden Tag einen Plan, keine zwingende To-do-Liste, aber einen Plan mit Dingen, die erledigt werden müssen. Tür schließen im Homeoffice. Ich finde es auch wichtig, dem Kunden transparent zu kommunizieren, dass man Einzelunternehmer ist, dass man eine Vorlaufzeit braucht für jedes Projekt, dass man unter Umständen nicht auf die Stunde abrufbar ist, weil man mit anderen dringenden Projekten beschäftigt ist, das sind die wichtigsten Dinge, finde ich. Ein gutes Zeit- und Projektmanagement ist wichtig.

CREATIVE REGION: Was wird man von dir in nächster Zeit sehen?

Michael Reindl: Gemeinsam mit Christoph Priglinger von libermoor habe ich zwei Displayschriften gezeichnet für evil eye, eine Subbrand von Silhouette International. Sie haben eine kursive und rückwärts kursive Schrift bekommen, als Hausschrift für Displayzwecke. Eine rückwärts kursive Schrift zu zeichnen war sehr spannend. Da gibt es ganz wenige Anhaltspunkte, auch im Netz, an denen man sich orientieren kann. Es war eine schwierige Aufgabe, aber man wächst ja an seinen Aufgaben.

CREATIVE REGION: Mit wem sollten wir unbedingt demnächst eine Creative Coffee Break machen?

Michael Reindl: Aus Sicht eines Type Designers ist ein Freund von mir, Hannes Siengalewicz, in Oberösterreich ein Tipp. Er hat eine kleine Font-Foundry, die PolenimSchaufenster heißt. Mit ihm kann man sicher auch gut über Type Design sprechen. Interessant würde ich auch finden, mit Hannah Primetzhofer zu sprechen. Sie macht mit ihrem visuellen Labor System Jaquelinde total schöne Gestaltungen, oft auch typolastig, immer experimentell. Und als Gallneukirchner wäre es interessant mit Sigi Mayer zu sprechen, weil er seit Jahrzehnten das Branding für den hiesigen Fleischermeister macht und das sicher heraussticht in der Brandinglandschaft Oberösterreichs, weil Sigi mit seinen Gestaltungen immer etwas ausbricht und aneckt und sicher ein interessanter Gesprächspartner wäre.

Über die Creative Coffee Breaks

In regelmäßigen Abständen macht sich das Team der CREATIVE REGION Linz & Upper Austria auf, um junge Start-ups und in der Kreativwirtschaft Tätige aus Linz und Oberösterreich bei einer Tasse Kaffee vor die Kamera zu bitten. Alle bisherigen Videos findest du auf YouTube: CREATIVE COFFEE BREAKS

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