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Strick-Technik und -Design als Berufung

Nina Dorfer beweist: Stricken ist nicht gleich Stricken. Die Designerin verleiht dem angestaubten Image des Strickens neuen – zukunftsfähigen – Glanz und produziert von Paris aus innovative technische Strickmaterialien. Ihre KundInnen in den Bereichen Interior, Fashion und Automotive sind so international wie ihr Werdegang. Die Linzerin machte bereits Station in Wien, Barcelona, London und hat nun in Paris die optimalen Bedingungen für ihr Le Bureaux gefunden.

Die 28. Creative Coffee Break ist die erste internationale Kaffeepause der CREATIVE REGION Linz & Upper Austria und wurde in Nina Dorfer’s Studio in Paris aufgenommen. Sie erzählt, wofür ihre technischen Gestricke eingesetzt werden, was sie ausgerechnet nach Paris verschlagen hat und welches Ziel sie mit ihrem Podcast „That’s my niche“ verfolgt.

Creative Coffee Break #28 mit Nina Dorfer von Le Bureaux

Georg Tremetzberger/CREATIVE REGION:

Unsere nächste Coffee Break hat uns zu Nina Dorfer nach Paris geführt. Sie hat dort vor zwei Jahren ihr Studio Le Bureaux gegründet, arbeitet als Strickdesignerin und hat so ihre Nische gefunden. Sie kollaboriert mit internationalen Unternehmen und auch mit dem Upper Austrian Hidden Champion Kobleder. Wie sie digital aus Paris mit den Firmen kollaboriert, wie sie ihren Werdegang von Linz, Wien, Barcelona, die Niederlande, London nach Paris geschafft hat, erzählt sie euch jetzt in unserer Coffee Break.

CREATIVE REGION: Was macht Le Bureaux?

Nina Dorfer: Ich mache technische Textilien auf Strickmaschinen. Die meisten Leute kennen aber keine Strickmaschinen, die werdet ihr aber im Intro sehen. Was ich mache: Ich vereine die Technik mit dem Design. Ich habe Mode studiert und dort mit Strickmaschinen gearbeitet und bin dann auf die Programmierung gekommen. Das habe ich extrem geil gefunden, weil dadurch Unabhängigkeit gegeben war. Oft gibt es Kommunikationsprobleme zwischen Designern und Technikern. Ich habe meine eigene Berufung geschaffen und mache Design und Technik in einem. Das ist eine absolute Nische, in einem sehr männlichen Beruf. Stricktechniker war eigentlich ein Lehrberuf. Den gibt es zwar noch als Lehrberuf, aber Textilfachschulen sterben auch immer mehr aus.

Viele Leute in meinem Alter oder Jüngere kommen mit Strickmaschinen durch die Modeunis in Berührung. Aber um wirklich die Technik zu lernen, muss man in Produktionsbetriebe gehen. Das habe ich längere Zeit auch gemacht, damit ich wirklich das Handwerk lerne. Das war eine harte Schule, das ist kein Ponyhof, aber ich habe gewusst, dass das wichtig ist. Nur so konnte ich damit unabhängig werden und mein eigenes Ding daraus machen.

CREATIVE REGION: Kannst du uns technische Gestricke näher erklären und wo sie überall zum Einsatz kommen?

Nina Dorfer: Im klassischeren Sinn kann man sagen, technische Textilien sind Funktionstextilien. Im Kleidungsbereich kann das zum Beispiel Schnittschutz sein, z. B. wenn man Ärmel strickt für Arbeiter, die mit Glas hantieren. Dafür kann man Funktionsgestrick machen, damit sie geschützt sind. Im Bekleidungsbereich kann man auch Schuhe nennen. Gestrickte Schuhe sind ja bekannt. Formgestrickte Textilien sind extrem leicht und leicht zu recyceln. Im Büromöbelbereich sind es Sitzbezüge, aber nicht nur im Büromöbelbereich werden sie eingesetzt, auch im Automobilbereich oder in Lastwagen. Da ist es oft so, dass man Meterware strickt, die dann zugeschnitten wird. Dort verwendet man Textilien mit einem gewissen Abriebwert oder hochfeste Materialien. Das sind im Prinzip Materialien mit Funktion.

CREATIVE REGION: Warum hast du dich für die Stadt Paris als deinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt entschieden?

Nina Dorfer: Das hat sich ein bisschen ergeben; durch die Abhängigkeit von den Maschinen. Nach meinem letzten Job, als ich beschlossen habe, mich selbstständig zu machen, stellten sich die Fragen: „Wo kann ich Maschinen mieten? Wo habe ich Zugang zu Maschinen?“ Für mich war es wichtig, in einer Stadt zu leben. Das brauche ich irgendwie zum Leben. Ich wusste, in Paris gibt es einen Maschinen-Showroom, eine Vertretung eines Maschinenherstellers. Es gibt in jedem Land kleine Agenturen. Mit denen habe ich gesprochen und sie haben zugesagt.

Für mich war Paris sehr attraktiv, weil es nicht so anders war als Wien. Es erinnert mich an Wien – die Architektur, die Lebensweise. Aber es ist extrem international, es ist ein extremer Mittelpunkt, man ist schnell in anderen großen Städten wie London und Amsterdam oder in Belgien. Und natürlich lebt das Savoir-faire in Paris und in Frankreich generell. Also bin ich mit meiner Entscheidung sehr zufrieden.

CREATIVE REGION: Stichwort: „Digitale Kollaboration“ Wie arbeitest du mit deinen internationalen KundInnen zusammen?

Nina Dorfer: Digitale Kollaboration. Das hat die Pandemie extrem verstärkt. Und erschwert. Ich habe so etwas wie einen Textilkatalog angefertigt mit extrem vielen Mustern, um die Techniken zu zeigen. Zum Beispiel, dass man in Form stricken kann, was alles so möglich ist, verschiedene Materialien usw. Damit ich das rausschicken kann und die Leute etwas zum Angreifen haben, um eine Gesprächsgrundlage zu haben. In einem textilen Beruf ist das Angreifen das Um und Auf. Man kann sich dumm und dämlich reden, wenn die Leute etwas sehen und angreifen, dann löst das etwas aus, dann kann man sich etwas vorstellen und es regt die Fantasie an.

CREATIVE REGION: Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Kobleder ergeben?

Nina Dorfer: Strickproduktionsfirmen in Europa gibt es sehr wenige. Die Interessanten kann man an einer Hand abzählen. Kobleder war immer auf meinem Radar, ich wusste auch, was sie machen und leisten. Sie sind wirklich sehr, sehr, sehr stark. Nachdem ich mich selbstständig gemacht habe, habe ich mich dann einfach mit Herrn Stollberger zusammengesetzt und diskutiert, welche Möglichkeiten man für eine Zusammenarbeit hat. Das hat sich ganz gut ergeben. Es ist ein Traditionsunternehmen, aber sehr, sehr modern und wirklich offen für Neues. Sie sind unkompliziert und effizient. Von meiner Seite – und ich habe viele Produktionsunternehmen in Europa gesehen– ist Kobleder ein wirklich nennenswertes Unternehmen. Ich bin sehr froh, dass das eine so tolle Zusammenarbeit ist.

CREATIVE REGION: Wie kommst du zu deinen KundInnen und neuen Aufträgen?

Nina Dorfer: Anfänglich hatte ich aus meinen vorherigen Berufen Kontakte. Mit einigen arbeite ich auch weiterhin zusammen. Es hat mir natürlich sehr geholfen, dass ich den Produktionsbackground habe. Beim Gewinnen von neuen Kunden bin ich sehr selektiv und gehe auf Firmen zu, bei denen ich mir denke, das könnte aufgrund der Ästhetik passen. Ich habe eine Vorstellung, wie sie das Produkt einsetzen könnten, was es für die Firma erleichtern würde – von der Ästhetik und ein wenig, was das Wagnis betrifft.

Bei ganz konservativen Unternehmen, Traditionsunternehmen, ist es schwierig. Die können oft nichts damit anfangen. Sonst kommen viele junge Leute auf mich zu, vor allem Modestudenten, die etwas ausprobieren möchten oder stricken wollen, weil sie wissen, was man damit alles machen kann und welche Vorteile es gibt, z. B. schnelles Prototyping, und dass man direkt die Form stricken kann. Das ist der Mix.

CREATIVE REGION: Welche Ansprüche stellst du an deine Produkte und die Produktionsweisen?

Nina Dorfer: Mir ist vor allem wichtig, den Strick dort einzusetzen, wo man ihn nicht wirklich erwarten würde. Ich kämpfe immer etwas gegen das Vorurteil: „Du strickst, also machst du Pullover und Schals.“ Natürlich mache ich auch Socken und Mützen. Hier ist aber mein Anspruch, dass sie 3D-gestrickt sind, was mir technisch Spaß macht. In Hinblick auf technische Textilien macht es mir vor allem Freude, mir Produkte zu überlegen, bei denen man sich den Zuschnitt ersparen kann.

Wenn man z. B. einen Raumteiler macht, dann hat man gewisse Parameter der Maschine und kann gewisse Formen erzielen. Das ist auch nicht allzu gängig. Ich habe, ehrlich gesagt, noch keinen Raumteiler gesehen, der gestrickt wurde und auch reduziert ist. Mir ist reduziertes Design wichtig, das auch funktional ist, und so viele natürliche Materialien eingesetzt werden wie möglich. Den Strickcharakter bzw. das Strickvorurteil upzudaten steht bei mir im Vordergrund.

CREATIVE REGION: Welche Motivation steckt hinter deinem Podcast „That’s my niche“?

Nina Dorfer: Den Podcast habe ich gestartet, weil ich mich mit meiner Nische sehr alleine gefühlt habe. Ich habe mir gedacht, was ich mache, ist so „weird“ und ich muss immer erklären, was das ist: „WIE? Stricken???“ Deswegen habe ich mir gedacht, wie arbeiten andere? Wie geht denn Selbstständigkeit? Wie tut man denn da? Ich finde es extrem nervig, wenn man Interviews von Designern liest, die sagen: „Das war alles ganz einfach – bim, bam, bumm und auf einmal war ich so berühmt.“ Und ich denke dann einfach: „NEIN, das gibt es nicht! Das glaube ich nicht.“ Deswegen habe ich mir gedacht, ein Podcast ist eine einfache Art, um interessante Menschen kennenzulernen und bei der man die Erlaubnis hat, solche Fragen zu stellen. Man kann herausfinden, wie das tatsächlich war und wo es Schwierigkeiten gab. Und natürlich der berufliche Austausch, ein Erfahrungsaustausch, ist extrem bereichernd. Man merkt, dass sich manche Dinge überschneiden und jeder in irgendeiner Art und Weise „struggled“.

CREATIVE REGION: Welche Projekte können wir von Le Bureaux in naher Zukunft erwarten?

Nina Dorfer: Ich arbeite – das ist „geheim“ – mit einem Materialhersteller zusammen. Da kommt jetzt eine Schuhkollektion heraus. Dort bin ich sehr stark involviert im Design und in der Umsetzung des gestrickten Schuhs. Dann ist da das Projekt mit dem Büromöbelhersteller – auch „top secret“. Vor Kurzem habe ich meinen Webshop gestartet, da läuft jetzt die Wintersaison aus und jetzt geht es dann eher in Richtung Inneneinrichtung, Home Accessories; solche Dinge. Und eben die Möbelkollektion mit Markus Jungwirth, dem Tischler. Da würde ich gerne eine kleine Veranstaltung in Paris und in Linz oder Wien organisieren, um das Ganze zu präsentieren.

CREATIVE REGION: Bei wem sollten wir unbedingt auf eine Creative Coffee Break vorbeikommen?

Nina Dorfer: Keine Frage! Ihr müsst natürlich bei EMJOT Design vorbeischauen, Markus Jungwirth in Vöcklabruck. Er macht Möbel aus Holz und Metall und ist extrem motiviert, ein wirklich sehr toller Kerl.

Über die Creative Coffee Breaks

In regelmäßigen Abständen macht sich das Team der CREATIVE REGION Linz & Upper Austria auf, um junge Start-ups und in der Kreativwirtschaft Tätige aus Linz und Oberösterreich bei einer Tasse Kaffee vor die Kamera zu bitten. Alle bisherigen Videos findest du auf YouTube: CREATIVE COFFEE BREAKS

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