Foto: Nina Danninger

Die Zukunft der Kreativbranche – Welche Skills braucht es im Zeitalter von AI?

Von Claudia Kappl, 29. Oktober 2024

Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz stellt sich eine zentrale Frage: Welche Fähigkeiten werden in Zukunft gefragt sein, um im kreativen Bereich erfolgreich zu bleiben? Die rasante Entwicklung von AI hat in den letzten Jahren das Arbeitsumfeld fundamental verändert. Besonders seit dem Aufkommen von Tools wie ChatGPT im Jahr 2022 hat sich die Art und Weise, wie wir arbeiten, dramatisch gewandelt. Im kreativen Sektor führt das zu einer Neuordnung der Fähigkeiten, die Fachleute heute und in Zukunft benötigen.

Cees Dingler, Gründer & Creative Director von Capitola Amsterdam, gab in seinem Impulstalk bei “AI m[eats] creativity?” Einblicke in die wichtigsten Kompetenzen, die zukünftig unerlässlich sein werden. Sein Credo: Kreative müssen sich anpassen, um den Anforderungen der neuen AI-gestützten Arbeitswelt gerecht zu werden. 

Eine der größten Veränderungen in der Kreativbranche besteht darin, dass Technologie und Kreativität zunehmend Hand in Hand gehen. Dingler, der seine Karriere in der renommierten Agentur Wieden+Kennedy begann, betonte, dass Kreative von technischen Prozessen profitieren können, wenn sie diese besser verstehen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass alle Kreativen zu Programmier-Expert*innen werden müssen. Vielmehr geht es darum, ein grundlegendes Verständnis für AI und deren Mechanismen zu entwickeln, um kreatives Potenzial voll auszuschöpfen.

„A creative should not be a perfect coder, but should have a sense of how AI is structured, because if you know the engine, you can create a better car.“ – Cees Dingler

  1. Coding-Verständnis: Ein grundlegendes technisches Wissen ist wichtig, um mit AI-Tools effektiv arbeiten zu können. Kreative, die verstehen, wie diese Technologien funktionieren, können ihre Arbeit gezielter und effektiver gestalten. Dieses Wissen ermöglicht es ihnen, nicht nur Befehle einzugeben, sondern den kreativen Prozess aktiv zu steuern und AI so zu nutzen, dass sie einen echten Wettbewerbsvorteil erzielen.
  2. Crafting: Trotz der technologischen Möglichkeiten bleibt die fachliche Expertise entscheidend. Dingler betonte, dass AI zwar eine Welt der Perfektion bieten kann, aber das menschliche Bedürfnis nach dem Unvollkommenen weiter besteht. Der kreative Prozess sollte immer Raum für das „Unperfekte“ bieten, da dies die Authentizität und den menschlichen Touch in der digitalen Welt stärkt. Dingler verweist auf Künstler*innen wie Escher, die die Perfektion meisterten und dann bewusst mit Perspektiven spielten, um etwas wirklich Innovatives zu schaffen.
  3. Curation: In der heutigen Zeit, in der AI unzählige Inhalte auf Knopfdruck produziert, wird die Fähigkeit zur gezielten Auswahl und Kuratierung von Inhalten immer wichtiger. Dingler vergleicht diese Rolle mit der eines/einer Kurator*in im Museum: Kreative müssen lernen, den AI-Output mit Bedacht zu wählen und dabei die Relevanz für ihr Publikum zu berücksichtigen. Curation erfordert, dass man nicht jedem beeindruckenden AI-Output verfällt, sondern ein tiefes Verständnis für den kreativen Kontext entwickelt und nur die Inhalte auswählt, die einen nachhaltigen Wert schaffen. Besonders in der Werbung, wo Botschaften klar und präzise sein müssen, ist diese Fähigkeit entscheidend.

„There’s a burst of imagery, films, AI-generated content… but we need to be like curators of a museum, carefully selecting what truly matters.“ – Cees Dingler

  1. Kritisches Denken: Kreative müssen lernen, den AI-Output streng zu hinterfragen und sich Gedanken über die Bedeutung und Auswirkungen ihrer Arbeit zu machen. AI kann schnell Ergebnisse liefern, aber nicht jeder Output ist gleichwertig. Dingler empfiehlt, einen Schritt zurückzutreten und kritisch zu analysieren, welche Botschaften vermittelt werden und welche Werte hinter dem kreativen Werk stehen.
  2. Kooperation: Die Zukunft der Kreativarbeit ist kollaborativ. Kreative arbeiten nicht mehr isoliert, sondern in Teams, in denen AI, Entwickler*innen, Designer*innen und andere Spezialist*innen zusammenkommen. Dingler betont, dass die Zeit der „Kreativ-Gurus“, die alleine auf einem Podest stehen, vorbei ist. Moderne Kreative sollten bescheiden und offen für den Austausch sein, um im Team die besten Ergebnisse zu erzielen.

Besonders betonte Dingler den kreativen Austausch zwischen Mensch und Maschine. AI kann als „dritte*r Partner*in“ im Team fungieren und kreative Prozesse auf neue Weise inspirieren. Dingler erklärt, dass kreative Durchbrüche oft durch Missverständnisse und unvorhergesehene Ergebnisse entstehen – beispielsweise wenn ein*e Designer*in eine Idee anders interpretiert als ursprünglich gedacht, was dann zu neuen, überraschenden Ansätzen führt. Ähnlich funktioniert die Interaktion mit AI: Wenn AI ein Bild, einen Text oder eine Idee auf eine Weise interpretiert, die vom ursprünglichen Input abweicht, können diese „Missverständnisse“ zu einzigartigen kreativen Lösungen führen, die so von Menschen allein nicht erdacht worden wären. Es sind genau diese unvorhersehbaren Momente, die AI in den kreativen Prozess einbringen kann – indem sie neue, unerwartete Perspektiven bietet und dadurch kreative Prozesse auf eine neue Ebene hebt.

„I think we should use AI as like the third part of being a team because we can get inspired by it.“ – Cees Dingler

… sondern erfordert eine neue Art von Fähigkeiten. Kreative müssen technisches Verständnis entwickeln, kritisch mit AI-Output umgehen und sich auf die Zusammenarbeit mit Mensch und Maschine einlassen. Das Handwerkliche, das Menschliche und die Fähigkeit, das Perfekte bewusst zu hinterfragen, werden dabei weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Die Zukunft der Kreativität wird nicht durch Technik allein bestimmt, sondern durch die Synergie von Mensch und Maschine.

Eines ist sicher: AI wird uns nicht ersetzen – vielmehr eröffnet sie neue Wege, unsere Kreativität auf ein höheres Level zu heben.

(c) Nina Danninger

Cees Dingler, Founder & Creative Director bei Capitola Amsterdam, studierte Produktdesign und Architektur, entschied sich aber für eine Karriere in der Werbung. Im Jahr 2015 gründete er Capitola, das Programmierer*innen und Creatives zusammenbringt, um bahnbrechende Konzepte zu entwickeln. Die Agentur ist auf immersive Erlebnisse wie AR, VR und virtuelle Welten spezialisiert und positioniert sich als Vordenker in diesem Bereich, wo Cees seine Passion für Design, Werbung und Technologie miteinander verbindet. Bei AI m[eats] creativity? 2024 war er einer unserer sieben Impulsgeber*innen.


Geschrieben von Claudia Kappl

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