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Ein Fahrrad aus Holz. Christoph Fraundorfer und das My-Esel-Team haben die auf den ersten Blick kuriose Idee auf die Straße gebracht. Auf den zweiten Blick bietet Holz überzeugende Vorteile. Welche das sind und wie aus der Idee ein erfolgreiches Business wurde, das regelmäßig nationale und internationale Preise abräumt, erzählt er in der aktuellen Ausgabe der Creative Coffee Break.

Außerdem hat er sich mit uns darüber unterhalten, wie sie ihre individualisierbaren Holzräder für die KundInnen abseits vom Onlinevertrieb greifbar machen. In der 29. Kaffeepause spricht er auch über den neuen Esel, der neben den stylishen Holzrädern für die Stadt und das Gelände in Kürze auf den Markt kommt, und wie My Esel ihr Produkt in den letzten Jahren weiterentwickelt hat.

Creative Coffee Break #29 mit Christoph Fraundorfer von MY ESEL zum Nachlesen

Wolfgang Gumpelmaier-Mach/CREATIVE REGION: Vor ein paar Jahren hat Christoph Fraundorfer aus Linz mit einem kleinen Team begonnen, Holzfahrräder zu bauen, die individuell an die Körpergröße angepasst werden können. „My Esel“ heißen diese Fahrräder und wir haben Christoph damals bei seiner Crowdfunding-Kampagne unterstützt. Mittlerweile ist das Team gewachsen und die Produktpalette. Und Christoph ist mit seinem Team nach Traun umgezogen. Wir haben ihn dort wieder einmal persönlich besuchen können und im Rahmen der Coffee Break erzählt er, was seit damals passiert ist und wie es weitergeht mit My Esel. Willkommen!

CREATIVE REGION: Was macht My Esel?

Christoph Fraundorfer: Hallo! Ich bin Christoph von My Esel. Ich bin einer der Gründer. My Esel ist ein Hersteller und Vertreiber von Holzfahrrädern und E-Bikes.

CREATIVE REGION: Wie kam es zur Idee und zum ersten „Esel“?

Christoph Fraundorfer: Die Idee hatte ich, weil ich selbst beim Radfahren immer ein Unwohlsein hatte. Ich bin sehr groß, mache viel Sport. Gerade beim Radfahren, was eigentlich gesund sein soll, fühlte ich mich immer unwohl. Dann habe ich mich mit dem Thema beschäftigt und bin draufgekommen, dass das Rad, das ich hatte, für mich überhaupt nicht gepasst hat. Es war zwar groß, aber man muss auch darauf achten, wie es eingestellt ist, und ob es von den Proportionen für mich passt. Das war eben nicht der Fall.

Die Idee, die daraus entstanden ist: Kann man nicht ein Produkt machen, das wirklich für jeden Kunden bzw. jeden Nutzer genau passt. Das Radfahren ist ein biometrischer Bewegungsprozess, genau dort würde Anpassung extrem viel Sinn machen. Momentan ist es so, dass der Großteil der Räder in Asien und in wenigen Größen vorproduziert wird. Dann wird geschaut, wo passt es am ehesten zusammen, aber das passt eben sehr oft nicht, weil einfach die Lager auch nicht vorhanden sind.

Wir haben einen kompletten Paradigmenwechsel gestartet und gesagt, wir sehen uns zuerst den Kunden an und suchen dann das ideale Produkt, das der Kunde braucht und individualisieren es so stark, wie es nötig ist. Am Anfang haben wir nur maßgefertigte Räder produziert, auch in Serie. Das war ein sehr spannender und innovativer Prozess. Wir sind aber dann draufgekommen, dass nicht jeder ein komplett maßgefertigtes Rad braucht. Wir haben deshalb auch S/M/L-Größen und – was für die Nutzung sehr spannend ist – wir bauen die Räder individuell auf, mit verschiedenen Komponenten, angefangen bei integriertem Licht, Komfortelementen, Gepäckträger, Schutzblechen, GPS. Das heißt, der Kunde kann sich eigentlich sein ideales Rad bei uns zusammenstellen. Das ist ein sehr wichtiger Punkt in der Optimierung des Produkts.

CREATIVE REGION: Wie hat sich euer Produkt seit seiner Entstehung verändert?

Christoph Fraundorfer: Zum einen hat es sich natürlich stark verändert, zum anderen sind die Vision und die Grundelemente, die wir uns damals überlegt haben, komplett gleichgeblieben. Diese Ideen waren eben die Individualisierung und die Möglichkeiten. Alles, was man bei uns hier im Büro sieht, alle Varianten, sind eigentlich nur Weiterentwicklungen und Iterationen, die alle auf dasselbe Konzept und auf dieselbe Funktionsweise zurückgreifen. Wie sich die Details bewegen und verändern, wie die Verbindungen gestaltet sind, das wurde weiterentwickelt. Aber das Coole ist, dass die Grundidee, die Grundphilosophie eigentlich in jedem Produkt, das es gibt, von Hardcore-Rennrad bis zum Mountainbike immer integriert ist. Das ist schon schön, dass man die Vision, die man einmal hatte – und damals reine Theorie war – auf so einem Level umsetzen konnte.

CREATIVE REGION: Welche Vorteile bringt ein Fahrrad mit Holzrahmen mit sich?

Christoph Fraundorfer: Ich drehe es vielleicht um. Üblicher ist es eher, dass die Leute glauben, Holz hätte Nachteile; nämlich, dass es nicht robust sei, dass es Witterungsprobleme hätte, und dass es schwer sei. Deshalb drehe ich das um und beantworte erste einmal das: Unsere Rahmen sind sogar extrem robust, absolut alltagstauglich. Das haben wir auch erst herausfinden müssen, wie das ist. Sie sind natürlich 100 % witterungsbeständig, sie sind lackiert wie ein Auto, so kann man sich das vorstellen. Da gibt es eigene Systeme für Holz im Außenbereich, Holzboote zum Beispiel stehen jahrelang im Wasser, ohne dass es da Probleme gibt.

Und die Rahmen sind hohl, das ist auch ganz wichtig, dass man das versteht. Nicht dass man sich denkt, es sei aus einem Stück gebaut und massiv, sondern sie sind innen komplett hohl, statisch optimiert, natürlich vielfach getestet und empirisch verbessert. Inzwischen sind wir bei einem Produkt, das superleicht ist. Bei den Rennrädern zum Beispiel haben die Rahmen genau dieselbe Steifigkeit wie Topkarbonrahmen, die aber – und hier ist Holz extrem gut – die Feinvibrationen vom Boden viel besser dämpfen. Das ist eine Grundeigenschaft von Holz. Hier liegt der Riesenmehrwert. Wie beim Schi wird beim Rad immer versucht, hohe Steifigkeiten zu erzielen. Das Rad soll auf Torsion extrem steif sein, damit, wenn ich reintrete, keine Energie verloren geht.

Auch beim Rennrad will ich einen schnellen Antritt haben. Gleichzeitig möchte ich aber möglichst komfortabel sitzen. Das ist oft ein Widerspruch: Weil wenn es steif sein soll, wird es meistens härter und dann rüttelt es mich umso mehr durch. Das überträgt sich dann über den Sattel in die Wirbelsäule. Da haben alle bestehenden Materialien große Probleme. Holz vereint diese beiden Eigenschaften. Es ist sehr steif, aber dämpft. Manche glauben Holz verbiegt sich oder flext und dadurch ist es weich. Das ist aber gar nicht so, Holz flext überhaupt nicht, sondern nimmt die feinen Erschütterungen weg.

Das ist ein riesiger Benefit beim Radfahren, denn natürlich will ich komfortabel sitzen und je länger man fährt, umso größer ist der Vorteil. Holz ist natürlich ein außergewöhnliches Material in außergewöhnlichem Design. Viele Interessenten oder Kunden kaufen, weil sie sagen: „Hey, das sticht heraus, das ist etwas Besonderes, das gefällt mir.“ Ja, es ist etwas anderes und man fällt damit auf. Das Feedback, das wir von vielen Kunden bekommen: Sie sind voll happy und das Coolste ist, dass man überall angequatscht wird.

CREATIVE REGION: Wie schafft ihr es, eure Produkte per Onlineshop für eure Kunden „greifbar“ zu machen?

Christoph Fraundorfer: Der Onlineverkauf war zu Beginn sehr schwierig, weil online kauft man Produkte, die einfach sind, die man kennt, Marken, denen man vertraut, etwas, wo man den einfachen Prozess der Bestellung nutzt. Jetzt habe ich hier ein Holzrad, das die meisten noch nie gesehen haben und noch nie getestet haben. Da stellen sich natürlich viele Fragen und es gibt Unsicherheiten, dann kommt jetzt noch das E-Bike dazu, bei dem ich einen Antrieb habe, den die Leute testen möchten. Das sind einfach Dinge, die es uns am Anfang schwer gemacht haben, die Räder online zu verkaufen.

Das hat sich aber insofern geändert, weil man immer mehr Testberichte bekommt, wo Kunden ganz viel Feedback geben. Es gibt Youtube-Berichte von Bloggern und Testern, die sehr ausführlich testen. ÖAMTC-Award und andere Preise, die man gewinnt. Man versucht als unbekannte Marke und so etwas Neuem, die Reputation, die Glaubwürdigkeit bei diesen Themen zu stärken. Das gelingt uns immer besser.

Gleichzeitig durften wir auch lernen, dass nicht immer die angestrebten Vertriebskanäle auch das Potenzial haben, das man sich vorstellt. Wir verkaufen z. B. super über den Fachhandel. Denn das ist der lokale Partner, zu dem ich hingehe – gerade bei so einem Produkt. Wenn ich mir Sorgen mache, dann habe ich meinen Partner, meinen Experten und dem vertraue ich. Wir haben z. B. auch einen Distributor und starten in mehreren Ländern mit Partnern. Das Produkt ist eben eines, das viele angreifen wollen – auch den Antrieb.

Das E-Bike möchte man probieren, wie bei einem Auto, damit möchte man ja auch einmal fahren und es testen. Das war ein Learning. Für uns war der Mischweg der Richtige, weil wenn ein Kunde online kauft und ein Problem hat, soll er eine Servicestruktur haben, durch die er professionell und schnell Hilfe bekommt und nicht wochenlang telefonieren muss und auf sein Rad warten muss. Wir denken da sehr langfristig und wollen, dass unsere Kunden langfristig zufrieden sind. Mit einem reinen Onlinevertrieb könnten wir, glaube ich, so einen Service nicht bieten.

CREATIVE REGION: Wie wichtig sind euch die Aspekte der Nachhaltigkeit und der fairen Produktion?

Christoph Fraundorfer: Holz ist von mehreren Gesichtspunkten aus betrachtet ein super Material, eben wegen seiner Eigenschaften, wegen der Flexibilität und der Individualisierung. Aber Holz ist auch regional erhältlich und in Österreich gibt es sehr viel Know-how über Holz und der Fertigung. Deshalb macht es Sinn, dass man ein Holzrad nicht irgendwo im Ausland produzieren lässt, sondern wirklich bei uns in Österreich. Wir haben die Maschinen, wir haben das Know-how, wir haben auch das Fachpersonal. Das kommt zum einen aus der Schiindustrie, das kommt aber auch aus dem Holzbau- und Hausbausegment, wo Österreich sehr gut aufgestellt ist. Insofern ist das eine runde Geschichte.

Bezüglich Nachhaltigkeit: Holz ist ein nachwachsender Rohstoff. Ich sehe aber auch Nachhaltigkeit so, dass man Arbeitsplätze in der Region schafft, dass man hier Wertschöpfung schafft und man etwas macht, bei dem man sagen kann, dass man hundert Jahre so wirtschaften könnte, ohne dass jemand Schaden nimmt oder ausgenutzt wird, sondern in Wahrheit für alle Sinn macht. Diese Sinnhaftigkeit ist für mich total wichtig. Es macht für die Region Sinn, es macht für ganz viele Firmen Sinn, die mit uns zusammenarbeiten. Wir haben viele oberösterreichische Partner. Da haben wir wirklich viele, das glaubt man gar nicht, für verschiedene Aluteile, für verschiedene Prozesse, auch dort werden überall Arbeitsplätze geschaffen. Wir zahlen die Steuern hier, die Räder werden auch hier gekauft und hier versteuert. Das ist wirklich Nachhaltigkeit in dem, wie wir wirtschaften wollen, neben dem Material. Und natürlich muss man auch sagen, wir haben Shimano-Sachen auf den Rädern, die bekommt man in Oberösterreich nicht, es gibt auch Bedingungen, wo man nicht aus kann und wir verwenden auch Klebstoffe, damit die Räder 100 % sicher sind. Es ist jetzt kein 100 % nachhaltiges Produkt, es gibt irgendwo Grenzen, aber wir geben unser Bestes und sind, glaube ich, auf einem guten Weg.

CREATIVE REGION: Wo und wie holt ihr euch neue Ideen & Inspiationen?

Christoph Fraundorfer: Sehr viele Ideen kommen eigentlich im Entwicklungsprozess beim Testen. Während man an dem einen arbeitet, kommen viele andere Ideen. Und wenn man das Potenzial von Produkt und Fertigung versteht, dann kommen so viele neue Möglichkeiten auf. Wir haben eine lange Liste spannender Ideen, die darauf wartet, dass wir sie angehen. Da fehlen einem manchmal die Ressourcen und die Zeit, das alles zu machen. Also, das passiert von selbst.

Und natürlich ist man auch in den Kanälen drinnen, in denen es um solche Themen geht. Das heißt, man bekommt von anderen Firmen mit, was sie machen. Und man ist auf Messen, wie der Eurobike, auf der Sachen vorgestellt werden. Da mangelt es nicht an Ideen und Möglichkeiten. Wir sind aber – Gott sei Dank – schon an einem Punkt, an dem wir ganz genau überlegen, ob wir noch etwas ändern. Weil gerade bei diesem Produkt, so reduziert es ist, muss man überlegen, ob es dadurch besser wird. Nur weil man einfach mehr Leute erreicht, will man nicht unbedingt eine gute Positionierung hergeben. Da sind wir wirklich stark. So etwas kann das auch schnell einmal schwächen. Das sind schon Entscheidungen, die man sich lang und gut überlegt.

CREATIVE REGION: Ihr habt zahlreiche Auszeichnungen für eure Fahrräder erhalten. Welche Bedeutung haben solche Preise für euch?

Christoph Fraundorfer: Ja, die haben natürlich eine große Bedeutung. Man darf nicht glauben, wenn man einen Preis gewinnt, dass sie einem die Tür einrennen. Auch wenn es ein internationaler Preis ist, wie der ISPO Brand New oder der Eurobike-Award. Aber es sind kleine Puzzlesteine, wie der Pegasus oder der German Design Award, die ein Bild von einer Firma zeichnen und Reputation schaffen und mit vielen anderen Elementen helfen, um gewisse Ziele zu erreichen. Aber es ist nicht der eine – zumindest bei uns war es so – der eine Schritt, der uns nach vor katapultiert hat, sodass man sagt, ab diesem Zeitpunkt ging es nur noch nach oben.

Es sind viele kleine Dinge, z. B. „2 Minuten 2 Millionen“. Das war eine super Sache, wir hatten einen guten Auftritt und haben gutes Feedback bekommen. Wir hatten 2017 aber das Produkt noch nicht so weit gehabt und es war noch nicht so „consuming“, dass wir wirklich viele Leute abholen konnten. Trotzdem kaufen jetzt viele Leute, die uns aus der Show kennen. Oft hat das Produkt noch nicht gepasst oder sie haben noch nichts gebraucht. Und jetzt, wo es interessant wird, wollen sie es testen und ansehen. Es kommt dann wieder zurück, ja.

CREATIVE REGION: Welche Projekte können wir My Esel in naher Zukunft erwarten?

Christoph Fraundorfer: Beim Produkt ist der E-Mountain ganz neu. Das ist unser erstes vollwertiges Mountainbike, das einen Mittelmotor hat. Sonst hatten wir die komplettintegrierten Systeme, bei denen wir denken, dass es das Beste fürs Bike ist, wegen dem Leichtbau und der Integration. Fürs Mountainbike sind aber die Mittelmotoren interessant. Das ist das Segment, in dem die Mittelmotoren ihr Potenzial ausspielen können, deshalb auch das Mountainbike mit Mittelmotor und entnehmbarem Akku. Das war auch wichtig, weil nicht jeder in der Garage oder direkt am Rad laden kann, sondern den Akku irgendwohin mitnehmen muss oder beim Laden die Vorzüge nutzen will, den Akku abnehmen zu können. Das haben wir hier kombiniert. Die kommen im April auf den Markt.

CREATIVE REGION: Bei wem sollten wir unbedingt auf eine Creative Coffee Break vorbeikommen?

Christoph Fraundorfer: Da fallen mir sofort zwei Firmen ein. Eine ist Hoss Mobility mit ihrem Rollstuhl-Segway. Ich hoffe, die Kurzerklärung stimmt so für Hoss. Und Eightpins mit echt genialen, innovativen Teleskopsattelstützen. Wir haben gemeinsam einen Zweirad-Cluster, wo wir damals im TECHCENTER die Büros nebeneinander hatten und uns schon damals super ausgetauscht haben und uns jetzt noch treffen. Zwei Firmen, die superspannende Produkte machen und auch auf einem sehr guten Weg sind.

Collaboration Collider for Cultural and Creative Industries


 

 

 

Dieses Interview ist Teil des Projekts COCO4CCI, das sich die Vernetzung zwischen der Kultur- und Kreativwirtschaft (CCI) und produzierenden Unternehmen zum Ziel gesetzt hat. Gemeinsam mit dem Möbel- und Holzbau-Cluster der Business Upper Austria legen wir den Fokus in Oberösterreich dabei auf das Thema „advanced architecture“, um Innovationen voranzutreiben und Kooperationen zu fördern. COCO4CCI wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert.

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