Wie entwickelt man als Kreative*r einen eigenen Stil? Wie wird man sichtbar, ohne sich permanent auf Social Media zu verlieren? Und wie findet man den Mut, Fragen zu stellen, Grenzen zu setzen und den eigenen Wert klar zu kommunizieren?
Diese Fragen standen im Zentrum des dritten Young Creative Club. Zu Gast war Illustratorin Carina Lindmeier, die im neuen Office von Fredmansky offen über ihren Weg in die Selbstständigkeit, über Stilfindung, Sichtbarkeit, Kund*innenarbeit und den Umgang mit AI sprach.
Schnell wurde klar: Einen eigenen Stil findet man nicht über Nacht. Und schon gar nicht dadurch, dass man wartet, bis alles perfekt ist. Für Carina war der Weg dorthin ein Prozess aus Ausprobieren, Scheitern, Weiterentwickeln und immer wieder Neujustieren.
„Man glaubt immer, man muss alles fertig haben – Website, Logo, Auftritt – und dann geht man raus in die Welt und alle buchen dich. So funktioniert es in der Regel nicht.“
– Carina Lindmeier
Gerade am Anfang, sagt Carina, sei es wichtig, Dinge auszuprobieren und den eigenen Auftritt wachsen zu lassen. Der eigene Stil entsteht nicht im stillen Kämmerchen, sondern durch Praxis: durch Projekte, Begegnungen, Umwege und manchmal auch durch Zufälle. Was heute klar und wiedererkennbar wirkt, war oft ein langer Weg.
Carina erzählte, dass sie früher fast ausschließlich in Schwarz-Weiß gearbeitet hat und Farbe lange gemieden hat. Heute ist Farbe ein zentraler Teil ihrer Arbeit. Auch ihre Nische im Bereich Food- und Lifestyle-Illustration habe sich nicht strategisch von Anfang an ergeben, sondern Schritt für Schritt entwickelt.
„Ich glaube, es ist gut, viel auszuprobieren und einfach zu schauen, womit man sich wohlfühlt und was zu einem passt.“
– Carina Lindmeier
Sichtbarkeit passiert nicht nur auf Social Media
Ein großer Teil des Gesprächs drehte sich um Sichtbarkeit und Personal Branding. Carina ist auf Instagram klar wiedererkennbar, nahbar und präsent – trotzdem sieht sie Social Media nicht als alleinigen Schlüssel zum Erfolg.
Im Gegenteil: Sie sprach sehr ehrlich darüber, dass die „goldene Zeit“ von Social Media aus ihrer Sicht vorbei sei. Aufmerksamkeitsspannen werden kürzer, Inhalte schneller konsumiert und Plattformen unberechenbarer. Umso wichtiger sei es, Sichtbarkeit breiter zu denken.
Sichtbarkeit entsteht nicht nur durch den nächsten perfekten Post. Sie entsteht auch durch persönliche Begegnungen, durch Events, durch direkte Nachrichten, durch Netzwerke und dadurch, dass man sich traut, auf Menschen zuzugehen.
„Wo sind die Leute, mit denen ich arbeiten will? Und wie erreiche ich die?“
– Carina Lindmeier
Carina ermutigte die jungen Kreativen im Raum dazu, Menschen aktiv anzuschreiben, zu Veranstaltungen zu gehen, Fragen zu stellen und Gespräche zu starten. Oft sei die größte Hürde nicht die Reaktion der anderen, sondern der eigene Kopf.
„Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass wer nicht zurückschreibt.“
– Carina Lindmeier
Diese Haltung zog sich durch den ganzen Abend: Fragen stellen, rausgehen, Menschen treffen. Nicht alles muss sofort zu einem Auftrag führen. Manchmal entsteht aus einem Gespräch erst Monate später eine Zusammenarbeit. Manchmal auch gar nichts. Aber genau daraus wächst ein Netzwerk.
Grenzen setzen ist Teil von Professionalität
Ein weiterer wichtiger Punkt war der Umgang mit Kund*innen. Gerade am Anfang der Selbstständigkeit ist die Versuchung groß, zu allem Ja zu sagen. Man will Chancen nutzen, niemanden enttäuschen und beweisen, dass man professionell arbeiten kann.
Carina machte deutlich: Professionalität bedeutet nicht, alles anzunehmen. Es bedeutet auch, zu wissen, was zur eigenen Arbeit passt – und was nicht.
Wer klar kommuniziert, wofür man steht, schafft Vertrauen. Und wer merkt, dass ein Projekt nicht zum eigenen Stil oder zur eigenen Arbeitsweise passt, darf auch ablehnen oder an Kolleg*innen weiterempfehlen.
Auch Verträge, klare Projektabläufe und schriftliche Vereinbarungen waren Thema. Besonders bei größeren Projekten empfiehlt Carina, Konditionen, Deadlines, Korrekturschleifen und Anzahlungen sauber zu regeln. Nicht, weil man misstrauisch sein muss, sondern weil klare Rahmenbedingungen beiden Seiten Sicherheit geben.
Und auch beim Thema Grenzen ging es nicht nur um Kund*innen, sondern auch um die eigenen Ressourcen. Nicht jedes spannende Projekt ist automatisch ein gutes Projekt, wenn es bedeutet, wochenlang keinen freien Tag zu haben.
AI als Tool – aber nicht als Ersatz für Haltung und Handwerk
Natürlich kam auch das Thema AI zur Sprache. Gerade für Illustrator*innen, Designer*innen und andere Kreative ist die Frage präsent: Was passiert mit kreativer Arbeit, wenn Tools immer schneller Bilder, Texte und Designs erzeugen können?
Carinas Antwort war differenziert. Sie nutzt AI dort, wo sie ihr Arbeit abnimmt – etwa für Mockups oder Präsentationen. Gleichzeitig machte sie klar, dass AI ihre Arbeit nicht ersetzt. Denn der kreative Prozess beginnt nicht erst beim fertigen Bild. Er beginnt bei Recherche, Denken, Entscheiden, Komposition, Stil, Haltung und Erfahrung.
„AI ist eine Technologie, die man gut nutzen kann, aber nicht unter allen Umständen nutzen muss.“
– Carina Lindmeier
Für Carina liegt genau hier auch eine Chance für Kreative: sich klarer zu positionieren. Wer weiß, wofür die eigene Arbeit steht, kann AI bewusst einsetzen, ohne sich davon definieren zu lassen.
Sie sieht außerdem einen Gegentrend zur Perfektion und Austauschbarkeit. Gerade weil so viele Inhalte glatt, schnell und ähnlich wirken, werde das Menschliche, Individuelle und Imperfekte wieder wichtiger.
Die Frage ist also nicht nur: Was kann AI? Sondern auch: Welche Art von Gestaltung wollen wir in der Welt sehen? Welche Verantwortung haben Kreative? Und wann ist ein Werkzeug wirklich hilfreich – und wann macht es Dinge nur mittelmäßiger?
Freude bewahren und nicht ausbrennen
Zum Schluss wurde es noch einmal sehr persönlich. Eine Frage aus dem Publikum drehte sich darum, wie man sich die Freude an der eigenen Arbeit bewahrt, wenn aus Leidenschaft Beruf wird.
Carina sprach offen darüber, wie wichtig Balance ist – und dass man die eigenen Grenzen nicht dauerhaft ignorieren kann. Gerade in der Selbstständigkeit besteht die Gefahr, immer weiterzumachen, immer mehr zu leisten und die eigenen Projekte hintenanzustellen.
Ein Learning, das sie selbst erst lernen musste: Die eigenen Deadlines sind genauso wichtig wie Kund*innen-Deadlines.
Um die Freude an der Kreativität zu behalten, hilft es Carina, Dinge zu tun, die nicht sofort verwertbar sein müssen. Fotografieren, Musik, etwas mit den Händen machen, weg vom Digitalen kommen. Nicht alles muss Content werden. Nicht alles muss ins Portfolio. Manchmal braucht es kreative Räume, die nur einem selbst gehören.
Gerade für Kreativschaffende, die in ihrer Arbeit viel von sich selbst geben, ist das essenziell. Denn Kreativität braucht Energie, Abstand und Dinge, die nicht sofort Leistung sein müssen.
Die 5 wichtigsten Learnings aus dem Gespräch mit Carina Lindmeier
1. Der eigene Stil entsteht durchs Machen
Nicht warten, bis alles perfekt ist. Der eigene Stil entwickelt sich durch Ausprobieren, Projekte, Fehler und Erfahrungen. Was zu einem passt, zeigt sich oft erst unterwegs.
2. Sichtbarkeit ist mehr als Social Media
Instagram, LinkedIn & Co. können hilfreich sein – aber echte Sichtbarkeit entsteht auch durch persönliche Gespräche, Events, Netzwerke und direkte Kontaktaufnahme.
3. Fragen stellen bringt dich weiter
Viele Chancen entstehen, weil man sich traut, Menschen anzusprechen. Eine Absage ist kein Urteil über den eigenen Wert, sondern oft einfach nur Timing.
4. Grenzen setzen ist professionell
Nicht jedes Projekt passt. Wer klar sagt, wofür man steht, was man anbietet und wo die eigenen Grenzen liegen, stärkt das eigene Profil und schafft Vertrauen.
5. AI kann unterstützen, ersetzt aber keine Haltung
AI kann Prozesse erleichtern und Zeit sparen. Aber kreative Qualität entsteht durch Entscheidungen, Erfahrung, Persönlichkeit und eine klare Haltung zur eigenen Arbeit.
Ein großes Danke an Carina Lindmeier für das offene, ehrliche und inspirierende Gespräch. Danke an Fredmansky fürs Hosten und den Support – und an Mario Benetseder von Café Orchidee für den besten Affogato.
Und natürlich danke an alle, die dabei waren, Fragen gestellt, zugehört und mitdiskutiert haben.



























Der Young Creative Club ist ein Get-Together-Format für Real Talks, Drinks und Themen, die uns manchmal nachts wachhalten: kreative Blockaden, Selbstzweifel, Skills, Geld, Mut. Der Club findet viermal im Jahr für junge Kreative in Linz statt.
Zum Start gibt’s immer ein kurzes Impulsgespräch zum Thema Business, Psyche oder Skillset von spannenden Gäst*innen aus der Branche – danach Drinks, Gespräche und ehrlicher Austausch auf Augenhöhe.
Im Young Creative Club triffst du Menschen, die gestalten, schreiben, filmen, fotografieren, designen oder denken – kurz: Menschen, die dieselbe Leidenschaft teilen wie du.
Drinks sind inklusive. Haltung auch.
Hier findest du alle nächsten Termine zum Young Creative Club.




