Kreativität trifft KI: Geschäftsmodelle und Chancen für die Creative Industries

Von Michaela Scharrer, 21. November 2024

Die Künstliche Intelligenz revolutioniert die Kreativwirtschaft – und stellt Kreativagenturen vor die Frage: Wo können wir noch echten Wert schaffen? Thomas Ragger, Managing Director und CTO der Digitalagentur Wild, beleuchtete bei „AI m[eats] creativity?“ die Möglichkeiten, wie AI sinnvoll in Geschäftsmodelle integriert werden kann, ohne die Essenz menschlicher Kreativität zu verlieren.

1. Die kreative Herausforderung: AI als imitierende Kraft

AI ist heute in der Lage, Bilder, Texte und sogar Musik zu generieren – doch Ragger betont, dass diese Ergebnisse immer auf bereits existierenden Daten basieren und keine originelle Kreativität darstellen.

  • Die Rolle der Imitation: Generative AI-Tools wie Adobe Firefly und Meta Video Generation nutzen riesige Datenmengen, um kreative Inhalte zu produzieren. Diese Inhalte sind technisch beeindruckend, aber letztlich nur eine Nachbildung – es fehlt die einzigartige Handschrift, die nur Menschen liefern können.
  • Neuer Wettbewerb durch Automatisierung: Kreative Prozesse werden durch AI beschleunigt und günstiger, was für viele Unternehmen attraktiv ist. Agenturen stehen vor der Aufgabe, den menschlichen Mehrwert neu zu definieren und sich klar von maschinellen Systemen abzuheben.
  • Kreativität als Differenzierungsmerkmal: Der Schlüssel liegt darin, AI nicht als Ersatz, sondern als unterstützendes Werkzeug zu begreifen, das kreative Visionen skaliert und neue Möglichkeiten schafft, um Markenidentität zu bewahren und zu stärken.

„Kreativität beginnt dort, wo AI aufhört zu imitieren – unser Wert liegt in der Schaffung authentischer Markenpersönlichkeit.“ – Thomas Ragger


2. Drei Ansätze für innovative AI-Business-Modelle

Ragger präsentierte drei zentrale Ansätze, wie Unternehmen AI effektiv einsetzen können, um Kund*innenerlebnisse und Markenwerte zu stärken:

1. Markengetreue AI-Agenten entwickeln

  • Herausforderung: AI-Agenten wirken oft unpersönlich und austauschbar. Ihnen fehlt Empathie sowie die Fähigkeit, Markenwerte authentisch zu repräsentieren.
  • Lösung: Durch gezielte Anpassungen können Unternehmen AI-Agenten schaffen, die die Tonalität und Persönlichkeit einer Marke widerspiegeln.
  • Praxisbeispiel: Der „King of Beebaum“ – ein AI-Agent, der mit sarkastischen Tweets trainiert wurde – zeigt, wie AI eine unverwechselbare Stimme entwickeln kann. Ähnliche Anpassungen können genutzt werden, um Markenbotschaften lebendig zu machen.

2. Hyper-Personalisierung für individuelle Kund*innenerlebnisse

  • Potenzial: AI ermöglicht es, Kund*innenerlebnisse auf ein neues Level zu heben, indem maßgeschneiderte, persönliche Interaktionen geschaffen werden.
  • Anwendungsbeispiele:
    • Im Handel: In physischen Stores könnten AI-Systeme Kund*innen anhand ihrer Vorlieben begrüßen und individuell beraten.
    • Im E-Commerce: AI-Agents könnten auf Basis von Echtzeitdaten wie Wetter oder individuellen Reiseplänen maßgeschneiderte Produkt- oder Reisetipps geben.
  • Ergebnis: Diese personalisierten Erlebnisse erhöhen die Kund*innenbindung und schaffen nachhaltigen Mehrwert.

3. Skalierbare, markenkonforme AI-Tools

  • Ziel: AI-Tools, die markenspezifische Inhalte effizient und konsistent generieren, bieten Unternehmen die Möglichkeit, den kreativen Stil einer Marke zu bewahren und gleichzeitig skalierbar zu arbeiten.
  • Praxisbeispiel: Der von Ragger genannte „AI Asset Generator“ ermöglicht es, markenkonforme Inhalte wie Hero-Bilder für Artikel automatisch zu erstellen. Das Modell wird mit markenspezifischen Daten trainiert, um stets konsistente Ergebnisse zu liefern.
  • Vorteile:
    • Effiziente Erstellung von Inhalten.
    • Sicherstellung der Markenintegrität bei jeder Generierung.
    • Zeit- und Kostenersparnis.

„Markenspezifische KI-Modelle können Agenturen helfen, einzigartige Erlebnisse zu skalieren und gleichzeitig den kreativen Stil und die Markenidentität zu bewahren.“ – Thomas Ragger


3. Geschäftsmodelle: Wirtschaftlichkeit durch AI sichern

Ragger sieht in AI nicht nur ein Werkzeug für Effizienz, sondern auch die Basis für zukunftsfähige Geschäftsmodelle:

  • Lizenzbasierte Monetarisierung: Unternehmen könnten eine Lizenzstruktur einführen, bei der Kund*innen pro generiertem Asset zahlen. Dies bietet eine kontinuierliche Einkommensquelle.
  • Setup- und Update-Gebühren: Agenturen können initiale Setup-Fees und laufende Kosten für die Anpassung der AI-Modelle erheben, um langfristige Partnerschaften mit ihren Kund*innen zu stärken.
  • Kreative Leitung bleibt entscheidend: Auch wenn AI die Produktion übernimmt, liegt die Verantwortung für die Qualität und Markenkonformität weiterhin bei den Kreativen. Die Steuerung der Modelle und das kritische Kuratieren von Inhalten bleiben menschliche Aufgaben, die nicht automatisiert werden können.

4. Das menschliche Element: Unersetzlich im kreativen Prozess

Ragger betont, dass die wahre Stärke von Kreativagenturen in ihrer Fähigkeit liegt, AI zu steuern und mit menschlichem Gespür zu ergänzen.

  • Kritisches Denken und Kuratieren: Kreative Teams übernehmen die Verantwortung, die generierten Inhalte zu gestalten und zu bewerten. Sie sorgen dafür, dass die Ergebnisse die Markenidentität widerspiegeln.
  • Weiterbildung als Schlüssel: Es wird auch in Zukunft essentiell sein, sich als Creative selbst oder sein/ihr Team mit neuen Skills auszustatten und zu lernen, wie man das Potenzial von KI nachhaltig in wertschöpfende Geschäftsmodelle integriert.

„Die Zukunft der Kreativität liegt in der Kombination von menschlichem Denken und maschineller Präzision.“ – Thomas Ragger


Fazit: AI als Möglichkeit, neuen Mehrwert zu schaffen

Thomas Raggers Vortrag verdeutlichte, dass AI eine transformative Kraft darstellt, die Kreativität nicht ersetzt, sondern ergänzt. Die Herausforderung für Agenturen liegt darin, AI gezielt einzusetzen, um Markenpersönlichkeit, Kund*innenbindung und markenkonforme Inhalte auf neue Weise zu schaffen.

Kreativität und Automatisierung können im Einklang stehen – vorausgesetzt, der Mensch bleibt Kapitän und lenkt die Prozesse mit seiner einzigartigen Perspektive. Raggers Kernbotschaft lautet: Kreativität beginnt dort, wo AI aufhört zu imitieren. Unternehmen, die diese Schnittstelle nutzen, können nicht nur neuen Mehrwert schaffen, sondern diesen auch nachhaltig wirtschaftlich nutzen.

„Die kreative Landschaft verändert sich. Doch wo immer Veränderung ist, gibt es auch Möglichkeiten, neue Werte zu schaffen.“ – Thomas Ragger

© Nina Danninger Photography

Über den Impulsgeber

Thomas Ragger ist Managing Director und CTO von Wild, einer Digitalagentur mit Fokus auf Design & Technologie. Als Teil des internationalen Residence Netzwerks betreut Wild Kunden wie Google, Spotify und Sony. Die Agentur wurde mit 10 Cannes Lions, 2 Webby Awards und der Awwwards Site of the Year ausgezeichnet. Thomas begann als Creative Technologist in New York, London und Paris. Heute leitet er KI-Projekte für Kunden wie Erste Bank und Inflection.ai, und treibt die digitale Innovation bei Wild maßgeblich voran.

https://wild.as

Credits Titelbild: Nina Danninger


Geschrieben von Michaela Scharrer

Weitere Insights

  • Die Zukunft der Kreativbranche – Welche Skills braucht es im Zeitalter von AI?Foto: Nina Danninger

    Die Zukunft der Kreativbranche – Welche Skills braucht es im Zeitalter von AI?

    Kreative müssen sich anpassen, um den Anforderungen der neuen AI-gestützten Arbeitswelt gerecht zu werden. Welche Fähigkeiten werden in Zukunft gefragt sein, um im kreativen Bereich erfolgreich zu bleiben? Cees Dingler, Gründer…

    Von Claudia Kappl, 29. Oktober 2024

  • AI Insights #10

    AI Insights #10

    Wir beobachten für dich nationale und internationale Expert*innen und ihre Projekte, filtern relevante Inhalte aus der Vielzahl der täglichen Meldungen heraus und fassen dir einmal im Monat die wichtigsten Neuigkeiten…

    Von Wolfgang Gumpelmaier-Mach, 31. Oktober 2024

  • AI Insights #9

    AI Insights #9

    Wir beobachten für dich nationale und internationale Expert*innen und ihre Projekte, filtern relevante Inhalte aus der Vielzahl der täglichen Meldungen heraus und fassen dir einmal im Monat die wichtigsten Neuigkeiten…

    Von Wolfgang Gumpelmaier-Mach, 30. September 2024