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Über Unicorns und Seepferdchen... und was Innovationen in Zukunft brauchen werden

Die CREATIVE REGION Linz & Upper Austria hat gefeiert: DESIGN, FOOD, MAKERS! und zum FORUM CREATIVE INDUSTRIES am 26.Juni 2019 in die Tabakfabrik in Linz geladen. Am Tag nach dem großen Fest diskutierte Keynote-Speaker Stiven Kerestegian, Head of Innovation bei Ikea, in der Prager Fotoschule mit den TeilnehmerInnen der Innovation Coffee Break über life-centred design und was Innovationen in Zukunft brauchen werden, damit sie auf lange Sicht nicht nur nutzbringend für den Menschen, sondern auch sozial und ökologisch verträglich sind.

Die Einbeziehung menschlicher Perspektiven im Problemlösungsprozess

Stiven Kerestegian ist stilbildender Stratege und innovativer Denker durch und durch. Von der Produktorientierung in den 90ern, bei der es in erster Linie um Usability und Form & Shape ging, über die technologieorientierte Produktentwicklung in den 2000er-Jahren, die im Zeichen von Connectivity und Netzwerken stand, bis zum people-centred-Ansatz rund um die 2010er, der menschliche Perspektiven im Problemlösungsprozess miteinbezieht, hat Stiven Kerestegian zuerst bei Microsoft und Kodak, später bei Lego, CIID und als Entrepreneur alle Stadien der Entwicklung des strategischen Designs in den letzten 20 Jahren hautnah miterlebt. Die Evolution zukunftsorientierten products designs ist aber bei Weitem nicht am Ende.

Als Head of Innovation bei IKEA konzentriert sich Stiven Kerestegian auf eine neue, umfassendere Herangehensweise und will damit nicht nur Innovationen vorantreiben, sondern vor allem auch bedeutende positive Auswirkungen auf Mensch und Umwelt erzielen. Dafür ist es notwendig, weiter zu denken als bis zum Menschen oder zum Problem des Produkts per se. Es geht darum, Produktdesign vom Top-down-Prozess, ausgehend vom Menschen, zu einem von vielen Variablen umgebenden Prozess zu machen, ein auf das ganze Leben ausgerichteter Ansatz, der die Verantwortung von Innovatoren und Designern auf neue Einflussbereiche ausweitet, ethische Überlegungen miteinbezieht und globale und ökologische Auseinandersetzungen erfordert. Nur so können die Herausforderungen der Zukunft gemeistert werden, seien es ökologische oder gesellschaftliche und dazu bedarf es in jeder Hinsicht nachhaltiger Überlegungen.

Reales Seepferdchen vs. surreales Unicorn

Bei der Innovation Coffee Break erzählt Stiven Kerestegian auch über sein Unternehmen Chilote Shoes, das er ganz im Zeichen dieser ganzheitlichen Betrachtungsweise des life-centred designs betreibt und damit weniger ein Einhorn (Anmerkung: Ein Einhorn – englisch Unicorn – bezeichnet ein Startup-Unternehmen mit einer Marktbewertung, vor einem Börsengang oder einem Exit, von über einer Milliarde US-Dollar) , sondern viel mehr ein Seepferdchen sein will.

In einer sich so schnell drehenden Welt, wie der unseren, in dem es wirtschaftlich darum geht das nächste Einhorn zu sein, Unsummen an Geld zu verdienen, zu glitzern und zu strahlen und dennoch mystisch und nicht real zu bleiben, konzentriert sich der life-centred-Ansatz darauf, von einer Einfluss- und Reichtumsverteilung auf ein paar wenige Unternehmen, zu einer Betrachtung zu kommen, bei der der größtmögliche positive Einfluss auf Mensch und Natur erzielt werden kann. Dafür ist Diversität und ein Nebeneinander notwendig und Chilote Shoes soll demnach ein Seepferdchen sein, das eben wie ein Einhorn beeindruckt und gleichsam schön ist, jedoch real, robust und gesund. Chilote Shoes will eines von vielen Seepferdchen-Start-Ups sein, eine vernünftige, verantwortungsvolle und holistische Alternative für gesunde und integrierte Co-Evolution und beständige Resilienz.

Fragestellungen für zukunftsfähige Innovationen

Auch bei IKEA verfolgt Stiven Kerestegian life-centred design konsequent und merkt bei der Innovation Coffee Break an, dass nicht alles schwarz-weiß ist, dass es nicht immer nur den einen richtigen Weg gibt, das System, in dem wir uns bewegen und agieren, komplex ist und wir unumstritten Teil davon sind. Dabei kommt es darauf an, nicht nur den Menschen im Mittelpunkt des Interesses zu stellen, sondern das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. Der Anspruch, den Stiven Kerestegian an das strategische Design bei IKEA hat, ist die Integration und Balance der unterschiedlichen Disziplinen. Der Outcome ist die Innovation und diese soll global skalierbar sein, um den größtmöglichen positiven Effekt erzielen zu können. Entscheidend ist, dass die Innovation für viele Menschen leistbar ist, die Technologie zugänglich und diese Innovation für Mensch und Natur nachhaltig ist. Dahinter steht für Stiven Kerestegian mehr als nur designen und verkaufen, die Verantwortung der Designer und Innovatoren geht für ihn weit über diese engen Grenzen hinaus und integriert auch Nutzung und Verwertung des aus der Innovation generierten Produkts.

Alles in allem sieht er diesen Paradigmenwechsel als völlig natürlichen Vorgang, dem nur Gewohnheiten im Weg stehen. Er vergleicht es mit dem Menschen, dessen Körper sich zu Beginn des Lebens auf Wachstum konzentriert und die meiste Energie darauf verwendet an Stärke zu gewinnen. Die Notwendigkeit der Energieaufwendung für das Wachstum nimmt mit fortschreitendem Alter ab und die Energie kann anderswo eingesetzt werden.

Um zukunftsfähige Innovationen voranzutreiben braucht es eben einen solchen Paradigmenwechsel von NAH zu BREIT, von LINEAR zu ZYKLISCH, von MÖGLICH zu SINNVOLL. Die philosophische Frage, die man sich dabei stellen sollte, ist nicht: „Können wir?“, sondern viel mehr: „Soll es so sein?“, denn jedes Tun hat Konsequenzen und über diese sollte man sich auch im product design im Klaren sein.

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