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Kooperationen entlang neuer Wertschöpfungsketten

Gemeinsam mit einem internationalen Projektteam haben wir uns zum Ziel gesetzt,  die Vernetzung zwischen der Kultur- und Kreativwirtschaft (englisch „Cultural and Creative Industries“, kurz CCI) und Unternehmen mit Fokus auf „advanced manufacturing“ (kurz AVM) zu fördern und voranzutreiben und Kooperationen entlang neuer Wertschöpfungsketten zu ermöglichen. Über das Projekt COCO4CCI und die damit verbundenen Aktivitäten erzählen Projektmanagerin Laura Smith von der business upper austria und Kommunikationsmanager Wolfgang Gumpelmaier-Mach von der CREATIVE REGION im Gespräch.

Die Kooperation zwischen Kreativschaffenden und produzierenden Industrien steht im Mittelpunkt eurer Zusammenarbeit. Vor welchen Herausforderungen stehen beide jeweils?

Laura Smith:

“Die Industrie steht vor Herausforderungen wie der Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, der Verbindung von Mensch und Maschine, der Optimierung von Prozessen sowie einer nutzerzentrierten Orientierung. Hinzukommen der demografische Wandel der Gesellschaft, der Klimawandel und neue, unbekannte Aufgaben – etwa der Umgang mit der Corona-Krise. Es wird immer wichtiger, individuelle Lösungen zu finden. Das Konzept “one size fits all” ist nicht mehr zielführend. Unternehmen müssen auf ihre KundInnen und deren Bedürfnisse individuell eingehen und Lösungen finden, zum Beispiel im Bereich der Nachhaltigkeit. Viele Unternehmen haben dies schon erkannt und implementieren R&D Abteilungen und InnovationsmanagerInnen in ihr Tagesgeschäft. Was manche innovative Unternehmen bereits entdeckt haben, wollen wir hier fördern: Durch den Einbezug von externen Kreativen involviert man zusätzliche Kompetenzen, mit deren Hilfe diese Herausforderungen innovativ gelöst werden können.”

Wolfgang Gumpelmaier-Mach:

“In unseren Gesprächen mit Kreativschaffenden spielt das Thema Digitalisierung eine große Rolle. Häufig wird auch die fehlende Identität bzw. ein gemeinsames Selbstverständnis der “Kreativwirtschaft” genannt und damit verbunden ein Mangel an Vernetzungsmöglichkeiten untereinander, aber auch mit anderen Branchen. Hinzu kommt, dass die in der Kreativwirtschaft zum Einsatz kommenden Prozesse nur wenig bekannt sind und somit der Wert von Kreativität oft nicht gebührend honoriert wird. Genau diese Herausforderungen adressieren wir im Projekt COCO4CCI: einerseits sollen Hemmschwellen abgebaut und Wissen für ein gegenseitiges Verständnis aufgebaut werden. Andererseits geht es in einem zweiten Schritt um die konkrete Vernetzung von Kreativen mit innovativ denkenden IndustriepartnerInnen.” 

Wo seht ihr Potenziale einer Zusammenarbeit?

Laura:

“Die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen der produzierenden Industrie und der Kreativwirtschaft birgt sehr viele Potenziale, da beide Sektoren unterschiedliche Stärken an den Tisch bringen. Ganz vereinfacht gesagt nutzen Kreative verstärkt die rechte Gehirnhälfte, welche verantwortlich für Emotionen, Kreativität, Intuitivität und Empathie ist, während ManagerInnen der produzierenden Industrie eher von der linken Gehirnhälfte Gebrauch machen, welche Logik und Analyseprozesse steuert. 

Durch die Kooperation zwischen der Kreativwirtschaft und der produzierenden Industrie werden im übertragenen Sinn beide Gehirnhälften verschränkt und man nutzt somit eine Herangehensweise, welche den Entwicklungsprozess ganzheitlich beleuchten kann. Das Ziel ist also ein “Whole Brainer” Modell zu etablieren, um gemeinsam und interdisziplinär nach Lösungen zu bestehenden Herausforderungen zu finden.”

Wolfgang:

“Genau. Anders gesagt wollen wir das Beste aus beiden Welten vereinen. Wir sind überzeugt davon, dass durch die Vernetzung der Kreativwirtschaft mit anderen Industriezweigen viel Neues entstehen kann und sich die wirtschaftliche und soziale Entwicklung durch die Stärkung von Innovationsprozessen mit kreativen Inputs ankurbeln lässt. Unser Motto lautet daher “Creativity drives Innovation”.

Viele UnternehmerInnen der Kultur- und Kreativwirtschaft zeichnen sich durch ihre offene Denkweise, innovativen Ansätze sowie ein gewisses Maß an Flexibilität aus. Auf der anderen Seite stehen die Erfahrungen moderner Fertigungsindustrien und ihre stark technologiegetriebene Power. Beide können voneinander viel lernen – genau diese Potenziale gilt es herauszuarbeiten, um Prozesse, Tools und Methoden zu optimieren um letztendlich bessere Produkte und Services zu generieren.”

Ihr habt euch mit “advanced architecture” einen thematischen Fokus gesetzt. Was versteht man darunter?

Laura:

„Advanced Architecture umfasst viele Bereiche, die – plakativ gesagt – über den klassischen Gebäudebau hinauslaufen. Hier muss man sich die gesamte Produktionskette ansehen, verstehen, wo und wie die Schnittpunkte zwischen verschiedenen Gewerken und Produzierenden sind, um dann umzudenken: Wo kann man mit neuen Technologien und/ oder der  Nutzung von möglicherweise bereits vorhandenen Maschinen verbesserte Effizienzen schaffen? Es geht hier um optimale Vernetzung durch Digitalisierung, Sicherheit am Bau, neue Prozesse und auch um die soziale, ökologische und nachhaltige Verbesserung der modernen Architektur. 

Wir verstehen darunter zum Beispiel den 3D-Druck von Beton, die Nutzung von Robotik um repetitive und gefährliche Tasks zu lösen, neue Materialien, Rückbaubarkeit, Vermeidung von Bodenversiegelungen und auch die Nutzung von „Smart Home“ Technologien, welche eine dem Nutzer angepasste Wohnatmosphäre schafft und gleichzeitig Energie spart.“

Wolfgang:

“Ein super Beispiel ist die Kooperation zwischen dem Linzer Studio March Gut, dem Architekten Philipp Weinberger und der Firma Wever & Ducré. Gemeinsam haben sie eine Lampenserie namens DARF entwickelt, die aus dem 3D Drucker kommt und sich ideal für große Flächen eignen, die im industrial style eingerichtet werden sollen. Für genau solche Projekte sehen wir hier in Oberösterreich viel Potenzial, weil wir einerseits eine starke und teils sehr experimentierfreudige Kreativwirtschaft haben, aber auch die dazu passenden IndustriepartnerInnen, die nach visionären Ideen für realisierbare Umsetzungen suchen.”

Welche regionalen und internationalen Beispiele in diesem Bereich könnt ihr hier nennen?

Wolfgang:

“Im Rahmen unserer CREATIVE REGION Journey zu Eternit haben viel über Kreativität im Zusammenspiel mit der Produktentwicklung und -innovation des Traditionsunternehmens gelernt. Unser Gastgeber Christof Pohn, Leiter Architektur- und Objektmanagement, hat auf dem Weg durch das Werksgelände sehr schön zusammengefasst, welche Rolle Kreativität für Eternit spielt: 

„Mit Gespür für zukünftige Trends und dem Wunsch, immer besser zu werden, werden in allen Bereichen des Unternehmens ständig neue Ideen und Produkte entwickelt. Kreativität ist unsere Stärke und gemeinsam mit anderen kreativen Köpfen bauen wir diese Stärke ständig aus, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und zu steigern.“

Demgegenüber stehen Kreativschaffende UnternehmerInnen wie Barbara Ambrosz, die mit ihrer Marke LUCY D immer wieder an der Schnittstelle von Innovation und Materialeinsatz arbeitet. Gemeinsam mit Beate Seckauer von der Porzellanmanufaktur Neuzeug hat sie eine Porzellanlampen-Serie unter dem Label NEU/ZEUG entwickelt, sozusagen ein Cross-Over Projekt aus Design & traditionellem Handwerk. Und mit Ernst Forster teilt sie sich nicht nur ein Studio in Steyr, sondern auch die Leidenschaft zu innovieren. Gemeinsam haben sie einen 3D Drucker für Porzellan und Keramik realisiert.“

Laura:

“Hier gibt es schon einige tolle Beispiele, die in ihrer Innovationskraft einfach begeistern. Eines meiner persönlichen Favoriten ist das Projekt Conceptual Joining. Hier wird nämlich durch die kreative Verschränkung der Qualitäten traditioneller Handwerkskunst mit dem Potenzial modernster Computertechniken eine Vielzahl von strukturellen Konfigurationen und Holzverbindungsmethoden entwickelt und getestet. Das Projektteam, bestehend aus ArchitektInnen, DesignerInnen, Zimmerleuten und IngenieurInnen, konzentriert sich nicht nur auf die theoretische Forschung, sondern setzt in erster Linie auf praktische Experimente. Durch die Hands-On Herangehensweise und der Kooperation auf gleicher Augenhöhe erzielen die Akteure Ergebnisse, die so bei getrennter Bearbeitung nicht möglich wären.”

Welche Aktivitäten setzt ihr in diesem Zusammenhang?

Laura:

“Um erstes Bewusstsein zu schaffen und erste Interessen zu wecken  planen wir Info Days sowohl für Kreative als auch für die Industrieunternehmen. In engem Austausch mit den Industrieunternehmen werden wir drei Unternehmen herausfiltern, die gerade vor ganz speziellen Herausforderungen stehen, welche sie dann an eine Gruppe von Kreativen pitchen werden. 

Wir begleiten dann die Kreativen während sie mögliche Lösungswege erarbeiten und bieten verschiedene Workshops und kleine Veranstaltungen an, damit sie die AVMs (Unternehmen im Bereich advanced manufacturing) kennenlernen und auch einen perfekten Lösungspitch für ausgewählte Challenges vorbereiten können. 

Schlussendlich wird dann eine optimale Lösung für die AVMs präsentiert und wir begleiten dann beide Seiten mit weiteren Workshops, um diese Lösungen auch in die Realität umzusetzen.” 

Wolfgang:

“Im Detail heißt das, dass wir sowohl auf Seiten unserer IndustriepartnerInnen, als auch auf Seiten der Kreativschaffenden ein gegenseitiges Bewusstsein schaffen möchten, was die jeweilige andere Seite braucht, vor welchen Herausforderungen sie steht, wie sie tickt, worauf sie Wert legt und was ihr vor allem fehlt. Das passiert in Workshops, in denen wir z.B. je nach Bedarf die Kreativen mit unternehmerischem Know How versorgen, den teilnehmenden Firmen andererseits aufzeigen, welche Möglichkeiten sich durch den Einsatz kreativer Tools und Methoden wie Design Thinking, Serious Play, Prototyping etc. für sie ergeben und wie ihnen Kreativschaffende dabei helfen können. 

Bei diversen Vernetzungsevents planen wir zudem ein schrittweises Kennenlernen, das dann – wie Laura schon erwähnt hat – in einem Matchmaking-Prozess zum idealen Entwicklungspartner bzw. der Entwicklungspartnerin führt. Aufgrund der aktuellen Situation werden manche dieser Aktivitäten wohl auch online stattfinden, geplant sind aber ab Herbst vor allem physische Treffen. Weitere Infos dazu folgen demnächst hier :)”

Collaboration Collider for Cultural and Creative Industries

Dieses Interview ist Teil des Projekts COCO4CCI, das sich die Vernetzung zwischen der Kultur- und Kreativwirtschaft (CCI) und produzierenden Unternehmen zum Ziel gesetzt hat. Gemeinsam mit dem Möbel- und Holzbau-Cluster der Business Upper Austria legen wir den Fokus in Oberösterreich dabei auf das Thema „advanced architecture“, um Innovationen voranzutreiben und Kooperationen zu fördern. COCO4CCI wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert.

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