Teil des Projektes KreATivita&InovaCZe
Sieben Jahre. So lange dauert es durchschnittlich, bis bei Betroffenen Endometriose diagnostiziert wird. Sieben Jahre voller Unsicherheit, Schmerzen und oft frustrierender Arztbesuche.
Das Linzer Start-up Diamens möchte diesen Weg verkürzen. Die Gründerinnen entwickeln einen Test, der Endometriose anhand von Menstruationsblut diagnostizieren kann – einfach, niederschwellig und von zu Hause aus anwendbar. Doch hinter der Innovation steckt mehr als medizinische Forschung: Es geht auch um Design, Kommunikation und die Frage, wie man Frauen dort abholt, wo sie Antworten suchen.
Wir haben mit Mitgründerin Angelika Lackner über die Entstehung von Diamens, die Bedeutung nutzer*innenzentrierter Entwicklung und den gesellschaftlichen Impact des Projekts gesprochen.
„Wir haben festgestellt: Für Menstruationsblut gab es praktisch keine Standards.“
Wie ist die Idee zu Diamens entstanden?
Diamens steht für „Diagnose aus Menstruationsblut“. Der Ursprung der Idee lag in der wissenschaftlichen Forschung: Im Rahmen einer bioinformatischen Biomarker-Identifikationspipeline konnten potenzielle Biomarker für Endometriose identifiziert werden. Daraus entstand die Frage, wie diese möglichst patientinnenfreundlich genutzt werden könnten.
Das Gründerinnenteam beschäftigte sich daraufhin intensiv mit Menstruationsblut als diagnostischem Probenmaterial – und stellte fest, dass es hierfür praktisch keine etablierten Verfahren gab. „Für Hautproben, Haarproben oder verschiedenste Gewebearten gibt es standardisierte Laborprotokolle. Für Menstruationsblut gab es praktisch nichts.“
Diese Erkenntnis war der Ausgangspunkt für die Entwicklung einer Diagnostiklösung, die dort ansetzt, wo die Erkrankung ihren Ursprung hat: beim Menstruationszyklus selbst.
Aus der Kombination dieser beiden Erkenntnisse entstand die Idee, Menstruationsblut als bislang kaum genutztes diagnostisches Probenmaterial zu erschließen. Aufgrund seiner engen biologischen Verbindung zum Endometrium und den mit Endometriose verbundenen Prozessen bietet es großes Potenzial für eine nicht-invasive Diagnostik.

Ein Gesundheitsproblem mit langer Leidensgeschichte
Endometriose zählt zu den häufigsten gynäkologischen Erkrankungen. Dennoch dauert es oft Jahre, bis Betroffene Klarheit erhalten.
Symptome werden nicht immer sofort richtig eingeordnet, die Erkrankung kann selbst von erfahrenen Fachpersonen übersehen werden und viele Frauen durchlaufen zahlreiche Arzttermine, bevor überhaupt ein Verdacht geäußert wird. Noch immer gilt die operative Gewebeentnahme als Goldstandard für eine gesicherte Diagnose.
Genau hier setzt Diamens an: Der Test soll den Weg zur Abklärung deutlich verkürzen und Frauen sowie GynäkologInnen früher Antworten ermöglichen.
Wenn (Produkt-)Design Teil der Lösung wird
Das Ziel war von Anfang an, die Probenentnahme so einfach wie möglich zu gestalten. Die Nutzerinnen sollen den Test selbstständig anwenden können, ohne Unsicherheit oder Angst, etwas falsch zu machen. Die Erfahrungen aus der Pandemie haben gezeigt, dass viele Menschen heute bereits mit eigenständiger Probenentnahme vertraut sind.
Besonders wichtig ist dabei die Kommunikation: Anleitungen müssen verständlich sein, Prozesse intuitiv funktionieren und die Verpackung sowohl Vertrauen schaffen als auch regulatorischen Anforderungen entsprechen.
Für das Team bedeutet das, medizinische Komplexität auf das Wesentliche herunterzubrechen. Bildanleitungen spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die Gestaltung des Produkts selbst. Denn eine Innovation entfaltet ihren Nutzen erst dann vollständig, wenn Menschen sie im Alltag tatsächlich anwenden können.
Nutzerinnenzentrierte Entwicklung als oberste Prämisse
Im Zuge der Entwicklung des Tests wurden mehr als 350 Betroffene zu ihren Erfahrungen, Bedürfnissen und Erwartungen befragt. Zusätzlich holte das Team Feedback von hunderten weiteren Frauen ein, die selbst noch keine Endometriose-Diagnose erhalten hatten.
Diese Erkenntnisse flossen direkt in die Gestaltung des Produkts und der User Journey ein. Von der Probenentnahme über die Verpackung bis hin zur Kommunikation wurde konsequent aus Sicht der Anwenderinnen gedacht.
Der Bedarf ist dabei deutlich spürbar: Regelmäßig melden sich Frauen direkt beim Unternehmen, fragen nach dem Test oder möchten an Studien teilnehmen. Manche wollen sogar aktiv unterstützen. „Wie kann ich euch helfen?“ ist ein Kommentar, der öfter im entsprechenden Websiteformular hinterlassen wird.
Solche Rückmeldungen zeigen, wie groß der Wunsch nach besseren Diagnosemöglichkeiten ist.

Kommunikation als Brücke zwischen Forschung und Alltag
Genauso wichtig wie die Entwicklung des Tests ist die Frage, wie Betroffene überhaupt davon erfahren.
Deshalb setzt Diamens auf mehrere Kommunikationswege gleichzeitig: von Suchmaschinen und Online-Recherche über gynäkologische Praxen bis hin zu Fachkongressen und medizinischen Netzwerken.
Die Idee dahinter ist einfach: Frauen sollen dort erreicht werden, wo sie beginnen, nach Antworten zu suchen.
Gerade im Gesundheitsbereich zeigt sich, wie eng Innovation und Kommunikation miteinander verbunden sind. Selbst die beste Technologie kann ihren gesellschaftlichen Nutzen nur entfalten, wenn sie sichtbar, verständlich und zugänglich wird.
Eine frühe Diagnose führt zu besserer Lebensqualität
Der potenzielle Impact von Diamens reicht weit über die Diagnostik hinaus.
Eine frühere Diagnose kann dazu beitragen, Behandlungen früher zu beginnen, die Lebensqualität zu verbessern und langfristige Folgen der Erkrankung zu reduzieren. Gleichzeitig eröffnet sie neue Möglichkeiten für Forschung und Therapieentwicklung.
Besonders relevant ist das auch im Bereich Kinderwunsch. Viele Frauen erfahren erst im Rahmen einer Fruchtbarkeitsbehandlung, dass Endometriose die Ursache ihrer Beschwerden ist. Eine frühere Abklärung könnte hier wertvolle Zeit sparen.
Darüber hinaus verändert eine Diagnose auch die Art und Weise, wie über die Erkrankung gesprochen wird. Sie schafft Sichtbarkeit für Beschwerden, die lange als „normal“ abgetan wurden, und macht deutlich, dass starke Schmerzen während der Menstruation nicht selbstverständlich sein müssen.
Wie tief diese Erfahrungen oft reichen, zeigen auch Rückmeldungen von Betroffenen:
„Meine Mama hat es schon gehabt, sie hat sich jeden Monat übergeben vor Schmerz, aber es war halt normal für sie.“ zitiert Angelika Lackner die Aussage einer Betroffenen.
Genau solche Geschichten machen sichtbar, warum Aufklärung, Kommunikation und frühzeitige Diagnostik so eng miteinander verbunden sind.
„Danke, dass ihr das macht, was ihr macht.“
Besonders berührend sind für das Team die Nachrichten, die im Rahmen von Studien oder über die Website eingehen.
Zwischen den vielen Daten und Auswertungen finden sich immer wieder persönliche Kommentare von Frauen, die sich endlich mehr Aufmerksamkeit für das Thema wünschen.
„Danke, dass ihr das macht, was ihr macht.“
Für die Gründerinnen sind solche Rückmeldungen eine Bestätigung dafür, dass es hier auch um die Chance geht, einen lange bestehenden blinden Fleck in der Frauengesundheit sichtbar zu machen.
Der nächste Schritt
Aktuell arbeitet Diamens an der Zertifizierung des Produkts als Medizinprodukt. Das Unternehmen selbst ist bereits als Medizinprodukthersteller zertifiziert. Wenn die weiteren regulatorischen Schritte wie geplant verlaufen, soll der Test 2027 auf den Markt kommen.
Bis dahin bleibt die Vision dieselbe: den Weg zur Endometriose-Diagnose deutlich zu verkürzen und Frauen schneller die Antworten zu geben, die sie brauchen.
Diamens zeigt, dass der eigentliche Impact dort entsteht, wo Forschung, Design und Kommunikation zusammenspielen. Denn erst wenn medizinisches Wissen verständlich, zugänglich und alltagstauglich wird, kann es das Leben von Menschen nachhaltig verändern.
Dieses Interview ist im Rahmen des EU-Projektes „KreATivita&InovaCZe“ entstanden.
Ziel von KreATivita&InovaCZe ist es, die Sichtbarkeit und Unterstützung der Kreativwirtschaft in Oberösterreich und Südböhmen zu erhöhen, ihre nachhaltige Vernetzung zu fördern, sowie auf spezifische Bedürfnisse einzugehen und Weiterbildung, Kooperation und Entwicklung zu fördern.
KreATivita&InovaCZe wird mit Unterstützung der Europäischen Kommission im Programm Interreg Österreich-Tschechien 2021-2027 finanziert.
Webseite des Projekts: KreATivita&InovaCZe