Teil des Projektes KreATivita&InovaCZe
Acht Räume, 1.200 Jahre Prager und tschechischer Geschichte, rund 250 Schritte: Mitten im ehemaligen Kaufhaus Máj entstand mit „Back in Time Prague“ eine multimediale Zeitreise, die historische Vermittlung, räumliche Inszenierung und Entertainment miteinander verbindet.
Möglich wurde das durch die Zusammenarbeit zahlreicher kreativer und technischer Disziplinen: Responsive Spaces entwickelte das Spatial Experience Design und die Dramaturgie, Kraftwerk Living Technologies realisierte als Generalunternehmer die technische Umsetzung. Hinzu kamen die kuratorische Arbeit von Marek Tajbl, die Videoproduktion von das narrativ, das Sounddesign von heimwerk.audio sowie historische Beratung, Kulissenbau und weitere Fachplanungen.
Wir haben mit Markus Pargfrieder von Responsive Spaces darüber gesprochen, wie aus einer ehemaligen Handelsfläche eine komplexe multimediale Erlebniswelt entstand und was das Projekt für die beteiligten Kreativunternehmen verändert hat.

Vom leerstehenden Kaufhaus zur Tourist*innenattraktion
Ausgangspunkt war das ehemalige Kaufhaus Máj im Zentrum Prags, dessen obere Etagen nicht mehr vollständig durch klassische Handelsflächen genutzt werden konnten.
„Mehr als drei oder vier Stockwerke bekommt man heute nicht mehr mit Geschäften gefüllt. Der Markt und die Zeit geben das nicht mehr her“, beschreibt Pargfrieder die Ausgangslage.
Die Immobilienentwickler*innen von AMADEUS Real Estate entschieden sich deshalb für eine grundlegende Neuausrichtung des Gebäudes. Ein Nahversorger blieb im Untergeschoss, darüber entstanden ein Amusement Park, eine Bowlingbahn, mit „Back in Time“ eine Tourist*innenattraktion, mit dem „Heroes Park“ eine weitere Erlebniswelt und in den oberen Etagen gastronomische Angebote.
Für die Fläche, die heute „Back in Time“ beherbergt, stand ursprünglich auch ein Coworking-Space zur Debatte. Die Entscheidung fiel schließlich zugunsten einer Attraktion, die zusätzliches Publikum ins Haus bringen und sich langfristig unter den bekannten Angeboten der Stadt etablieren sollte. Zugleich sollte sie ein wetterunabhängiges Zusatzangebot abseits der bekannten Prager Hotspots schaffen und damit zu einer breiteren Verteilung der Tourist*innen beitragen.
Historische Genauigkeit bis ins Detail
Die Ausstellung führt von der Gründungslegende Prags über die Zeit Karls IV. und die Legende des Golems bis zum Prager Aufstand im Mai 1945.
„Diese historische Genauigkeit war irrsinnig wichtig“, betont Pargfrieder. “Auch Menschen, die sich intensiv mit der Geschichte Prags beschäftigen, sollten die Darstellungen als glaubwürdig und stimmig erleben.”
Diese Genauigkeit reichte bis zu einzelnen Requisiten und Kostümdetails. Historische Kupferstiche wurden herangezogen, um zu klären, wie Kleidung und Schmuck einer Figur tatsächlich ausgesehen haben, etwa wie viele Ringe Karl IV. an welcher Hand trug.
Für diese Fachkompetenz wurde der aus Prag stammende Illustrator und Historical Consultant Jakub Prantl hinzugezogen. Der tschechische Kurator Marek Tajbl übernahm im Projektverlauf eine zunehmend zentrale Rolle und wurde zum Creative Director der inhaltlichen Ausarbeitung. Gedreht wurde unter anderem mit drei tschechischen Schauspielern, darunter die Darsteller von Karl IV. und dem Baumeister Peter Parléř.
Historische Genauigkeit bedeutete dabei nicht, ausschließlich gesicherte Ereignisse abzubilden. Auch Legenden wie jene vom Golem gehören zur Erzählung Prags. Wo keine eindeutigen historischen Darstellungen existierten, mussten die Beteiligten eine visuelle Form entwickeln, die glaubwürdig wirkt und sich zugleich in die Dramaturgie der Ausstellung einfügt.
Viele Gewerke, eine gemeinsame Dramaturgie
Neben Inhalt und Technik war die räumliche Umsetzung eine eigene Disziplin. Die acht Räume sollten sich nicht nur optisch, sondern auch haptisch voneinander unterscheiden: Im mittelalterlichen Teil gehen Besucher*innen über Kopfsteinpflaster, später verändert sich der Untergrund zu einem Holzboden. Geschichte wird damit im wörtlichen Sinn spürbar.
Für den Kulissenbau wurden internationale und regionale Spezialist*innen hinzugezogen. Darunter war ein deutsches Unternehmen, das normalerweise Kunstfelsen für Luxusresorts in Dubai und Abu Dhabi fertigt, ebenso wie ein tschechischer Betrieb mit Erfahrung im Theater- und Kulissenbau. Insgesamt waren rund 15 Firmen und Gewerke an der Umsetzung beteiligt, von Statik und Innenausbau über Kostümdesign und Filmproduktion bis zu Sound und Medientechnik.
Ein Raum widmet sich dem Prager Aufstand im Mai 1945. Seine Wände wirken wie beschädigtes, freigelegtes Ziegelmauerwerk, bestehen tatsächlich aber aus händisch bemalten Betonflächen. Solche Details zeigen, wie eng räumliche Gestaltung, handwerkliche Umsetzung und historische Erzählung miteinander verbunden sind.
Eine besondere planerische Herausforderung stellte das Gebäude selbst dar. Die denkmalgeschützte Fassade durfte nur in engen Grenzen verändert werden, während im Inneren eine komplexe medientechnische Infrastruktur entstehen musste. Auch Raumhöhen, Statik und die vorhandene Gebäudestruktur setzten der Gestaltung klare Grenzen.
Wenn Raum, Film, Sound und Technik zusammenwirken
Kraftwerk Living Technologies realisierte „Back in Time“ als Generalunternehmer und verantwortete die technische Umsetzung. Dazu gehören unter anderem Projektions- und LED-Systeme, räumlicher Klang, Lichteffekte, holografische Elemente, Animatronics, Duft- und Temperatureffekte sowie ein 5D-Kino mit beweglichen Sitzen.
Responsive Spaces entwickelte in enger Zusammenarbeit damit das Spatial Experience Design. Gemeint ist die Gestaltung des Zusammenspiels von Raum, Medien, Erzählung und der Bewegung der Besucher*innen durch die Ausstellung. Die Aufgabe bestand darin, einzelne Räume unabhängig voneinander zu gestalten und daraus eine durchgehende dramaturgische Reise zu entwickeln.
Als Referenzpunkte dienten unter anderem „Time Travel Vienna“ und die „Tirol Experience“, ebenfalls Projekte von Kraftwerk Living Technologies. Erfahrungen aus diesen Produktionen flossen in die Konzeption ein, wurden aber an die Geschichte Prags, die vorhandenen Räume und die erwarteten Besucher*innengruppen angepasst.
Auch Film und Sound wurden von Anfang an in das Konzept integriert. das narrativ verantwortete die Videoproduktionen, heimwerk.audio das Sounddesign. Beide Ebenen mussten auf die Raumgestaltung, die Projektionsflächen und den zeitlichen Ablauf abgestimmt werden. Ein Film funktioniert hier gemeinsam mit Licht, Kulisse, räumlichem Klang und Bewegung.
Die kreative Leistung lag deshalb nicht nur im sichtbaren Erscheinungsbild. Entscheidend war das präzise Zusammenspiel der einzelnen Elemente. Die technische und planerische Komplexität tritt für das Publikum in den Hintergrund und schafft Raum für Emotion, gemeinsames Staunen und lebendige Geschichte. Damit geht der Anspruch über eine klassische Ausstellung hinaus:
„Back in Time definiert den Begriff Museum komplett neu: weg von der traditionellen Ausstellung, hin zu einem multisensorischen Format, das historische Inhalte emotional auflädt“, beschreibt Responsive Spaces den eigenen Ansatz.

Besucher*innenführung als Teil der Gestaltung
Zur kreativen Planung gehörte auch die Frage, wie Gruppen durch die acht Räume geführt werden. Die gesamte Customer Journey musste so gestaltet werden, dass Besucher*innen der Geschichte intuitiv folgen können und zugleich der laufende Betrieb funktioniert.
Übergänge, Erzähltempo und technische Abläufe wurden so aufeinander abgestimmt, dass sich die Gruppen von Raum zu Raum bewegen, ohne die dahinterliegende Steuerung bewusst wahrzunehmen. Projektionen, Ton, Licht, bewegliche Elemente und Türen müssen dafür exakt zum richtigen Zeitpunkt reagieren.
Diese autonom ablaufende Gruppenführung beeinflusste auch die Möglichkeiten der Interaktion. Zu viele individuelle Entscheidungen oder unterschiedliche Verweildauern würden den festgelegten Rhythmus zwischen den Gruppen unterbrechen. „Back in Time“ ist daher bewusst linear und narrativ aufgebaut: Die Besucher*innen folgen einer gemeinsamen Geschichte, während die Inszenierung um sie herum abläuft.
Ein neues Arbeitsfeld für Responsive Spaces
Für Responsive Spaces bedeutete „Back in Time“ eine Erweiterung des bisherigen Tätigkeitsfelds. Während frühere Projekte stark auf interaktive Formate ausgerichtet waren, ist die Prager Experience weitgehend linear und narrativ aufgebaut.
„Wir haben gelernt, dass auch das für uns ein relevantes Arbeitsfeld ist. Unser Portfolio ist dadurch breiter geworden.“
Responsive Spaces gestaltete dabei nicht nur einzelne mediale Elemente, sondern deren übergeordnete Verbindung mit Raum, Geschichte, Technik und laufendem Betrieb.
Eine wichtige Grundlage dafür war die enge Zusammenarbeit mit Marek Tajbl. Die direkte Abstimmung zwischen räumlicher Gestaltung und inhaltlicher Dramaturgie ermöglichte kurze Entscheidungswege und eine gemeinsame Entwicklung der einzelnen Räume. Aus Sicht Pargfrieders entstand damit auch ein Modell, das bei künftigen Projekten dieser Art wieder eingesetzt werden kann.
Auch die Zusammenarbeit mit den weiteren österreichischen und tschechischen Partner*innen erweiterte das Netzwerk für großformatige Experience-Projekte. Die Beteiligten sammelten Erfahrungen damit, wie unterschiedliche kreative Leistungen parallel und in enger Abhängigkeit voneinander entwickelt werden können.

Resonanz und Ausblick
Positive Bewertungen auf Google und TripAdvisor zeigen, dass viele Besucher*innen die Attraktion als zusammenhängendes, sorgfältig inszeniertes Erlebnis wahrnehmen. Was für das Publikum nahtlos erscheint, beruht auf einer Vielzahl technischer, räumlicher und dramaturgischer Entscheidungen im Hintergrund.
Über das konkrete Projekt hinaus zeigt „Back in Time“, welches Potenzial Erlebnisräume, Ausstellungen und zeitgemäße Museumsformate für ehemalige Handelsflächen haben können. Wo sich große Gebäude nicht mehr ausschließlich mit Geschäften füllen lassen, schaffen sie neue Anlässe für einen Besuch und ergänzen Handel und Gastronomie um wetterunabhängige Angebote.
Gerade innerstädtische Kaufhäuser bieten dafür interessante Voraussetzungen: zentrale Lagen, große zusammenhängende Flächen und eine Infrastruktur, die auf hohe Besucher*innenzahlen ausgelegt ist. Multimediale Experiences können solche Räume neu erschließen und gleichzeitig einen niederschwelligen Zugang zu Geschichte, Kultur oder anderen lokalen Themen ermöglichen.
Das Rollout-Potenzial liegt daher nicht in der identischen Wiederholung von „Back in Time“. Übertragbar ist vielmehr das Grundprinzip: Leerstehende Handelsflächen werden zu Erlebnisorten, deren Inhalte aus der Geschichte und Identität des jeweiligen Standorts entstehen. Auch die bestehende Infrastruktur in Prag könnte künftig genutzt werden, um weitere Epochen oder neue Themen zu erzählen.
Back in Time Prague ist Teil der Ausstellung „Creativity Matters“, die im Rahmen des EU-Projekts „KreATivita&InovaCZe“ entstanden ist.
Ziel von „KreATivita&InovaCZe“ ist es, die Sichtbarkeit und Unterstützung der Kreativwirtschaft in Oberösterreich und Südböhmen zu erhöhen, ihre nachhaltige Vernetzung zu fördern sowie Kooperation, Entwicklung und Wissenstransfer zu stärken.
Das Projekt wird mit Unterstützung der Europäischen Kommission im Programm Interreg Österreich–Tschechien 2021–2027 finanzier
Ziel von KreATivita&InovaCZe ist es, die Sichtbarkeit und Unterstützung der Kreativwirtschaft in Oberösterreich und Südböhmen zu erhöhen, ihre nachhaltige Vernetzung zu fördern, sowie auf spezifische Bedürfnisse einzugehen und Weiterbildung, Kooperation und Entwicklung zu fördern.
KreATivita&InovaCZe wird mit Unterstützung der Europäischen Kommission im Programm Interreg Österreich-Tschechien 2021-2027 finanziert.
Webseite des Projekts: KreATivita&InovaCZe