Teil des Projektes KreATivita&InovaCZe
Was passiert, wenn Wissenschaft die Labor- und Konferenzwelt verlässt und auf Künstler*innen, Festivalpublikum und völlig neue Perspektiven trifft? Seit 2020 bringt der LIT Sonder-Call der Johannes Kepler Universität Linz genau diese Welten zusammen. Forschende und Studierende entwickeln gemeinsam mit Künstler*innen Projekte für das Ars Electronica Festival. Mit einem Anspruch, der über klassische Wissenschaftskommunikation hinausgeht.
Denn hier geht es nicht darum, Forschung nachträglich hübsch zu verpacken. Es geht darum, etwas entstehen zu lassen, das keine der beteiligten Disziplinen alleine hätte entwickeln können.
Wir haben mit Gregor Pechmann und Denise Atteneder, dem Team hinter dem LIT Sonder-Call darüber gesprochen, warum Wissenschaft den Elfenbeinturm verlassen muss, was Kunst dabei verändern kann und warum ein Festival mit einer unverrückbaren Deadline manchmal genau der richtige Ort für Experimente ist.
Wissenschaft raus aus dem Labor
Als der JKU Campus 2020 erstmals zu einem Hauptschauplatz des Ars Electronica Festivals wurde, sollte die Universität nicht nur Raum zur Verfügung stellen, sondern sich auch inhaltlich einbringen. Der LIT Sonder-Call entstand vor dem Hintergrund der sogenannten „Third Mission“ von Universitäten: Neben Forschung und Lehre gehört auch der Transfer von Wissen in die Gesellschaft zu ihren Aufgaben.
Der Call sollte dafür eine neue Plattform schaffen.
„Wissenschaft soll nicht einfach nur zum Selbstzweck da sein. Es geht sehr viel um die dritte Mission einer Universität. Die erste ist forschen, die zweite ist lehren, und die dritte: eben diesen Wissenstransfer an die Öffentlichkeit zu ermöglichen.“, so Gregor Pechmann.
Dafür werden Wissenschaftler*innen und Studierende der JKU eingeladen, Projekte einzureichen, die beim Ars Electronica Festival präsentiert werden. Der Call ist bewusst für alle Disziplinen offen, denn auch wenn man bei Ars Electronica schnell an AI, Computer oder Robotik denkt, soll in diesem Rahmen gerade die Vielfalt wissenschaftlicher Themen sichtbar werden.

Mehr als „Kunst, mach etwas schön!“
Entscheidend dabei ist die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Kunst. Denn der kreative Anteil soll nicht erst am Ende eines Forschungsprozesses dazukommen, um Daten schöner zu visualisieren oder einer fertigen Idee eine attraktive Form zu geben.
„Es geht nicht nur darum, etwas aufzuhübschen, z.B. Daten schön zu visualisieren, sondern dass sich Künstler*innen und Wissenschaftler*innen gegeneinander so befruchten, dass etwas ganz Neues entsteht.“
Genau diese Verschränkung ist inzwischen auch ein wesentliches Auswahlkriterium. Während beim ersten Call noch eine große Zahl an Projekten unterstützt wurde, hat sich der Fokus über die Jahre stärker von Quantität zu Qualität verschoben. 2026 werden sechs Projekte über den LIT Sonder-Call umgesetzt.
Was Kunst dabei einbringen kann, zeigt sich für das Team vor allem dort, wo wissenschaftliche Fragestellungen um gesellschaftliche und emotionale Dimensionen erweitert werden.
„Kunst ist viel mehr direkt ‘am Menschen’ bzw. kann auch andere Emotionen herausbringen, als die Wissenschaft alleine.“

Wenn aus einer Idee etwas völlig Neues wird
Wie sehr sich Projekte durch diesen Austausch im Laufe der Frist bis zum Festival verändern können, zeigt ein aktuelles Projekt aus der Humangenetik. Ausgangspunkt war die Frage, wie stark sich aus unserer DNA rekonstruieren lässt, wie ein Mensch aussieht. Bereits 2025 beschäftigte sich das Projekt damit, dass unser Erscheinungsbild eben nicht nur durch Gene geprägt wird, sondern auch durch Umwelt, Verhalten und Erfahrungen.
In der Weiterentwicklung für 2026 kam durch die Zusammenarbeit mit einer Künstlerin eine neue gesellschaftliche Fragestellung hinzu: Ist Gewalt etwas, das in unseren Genen liegt oder etwas, das durch Erfahrungen und unser soziales Umfeld entsteht?
Die Installation übersetzt diese Frage unter anderem in veränderte Gesichter. Besucher*innen können Erfahrungen eingeben – positive ebenso wie negative –, die anschließend visuell auf Gesichter von Projektbeteiligten mittels Videoinstallation übertragen werden. Parallel dazu wird DNA musikalisch übersetzt.
Das Projekt zeigt damit exemplarisch, was der LIT Sonder-Call erreichen möchte: Eine wissenschaftliche Ausgangsfrage wird durch die künstlerische Perspektive erweitert und neu verhandelt.

Elf Monate zwischen Antrag und Festival
Von der Einreichung bis zur Präsentation am Ars Electronica Festival liegen rund elf Monate. Nach der Ausschreibung haben Interessierte zunächst mehrere Monate Zeit, ihre Ideen einzureichen. Das Organisationsteam unterstützt bei Anträgen, vermittelt Kontakte zu Künstler*innen und anderen Institutionen und begleitet die Projekte anschließend durch das Auswahlverfahren. Bei einem Hearing präsentieren die Teams ihre Vorhaben einer hochkarätigen Jury.
Doch der Antrag ist selten das fertige Projekt.
„Dieser Weg zwischen der Stellung des Antrags, der vielleicht auch noch eher flapsig formuliert ist oder noch sehr viele offene Fragen beinhaltet, bis zur tatsächlichen Umsetzung, ist ein ganz spannender Prozess, den wir da verfolgen dürfen.“
Manche Projekte verändern sich sogar noch in den letzten Wochen vor dem Festival. Räume stehen erst später fest, technische Voraussetzungen ändern sich, Kooperationen entwickeln sich anders als geplant.
Eine Sache ist allerdings nicht verhandelbar: Zum Festival muss etwas stehen.
Mehr als 55 Projekte wurden seit 2020 bereits umgesetzt. Und trotz aller Unwägbarkeiten konnten bislang alle etwas präsentieren.
Wissenschaftler*innen als Menschen zeigen
Wie Wissenschaftskommunikation aussehen kann, hat das Team auch selbst erprobt. 2025 entstand mit „Into the JKUniverse – Science starts with you“ eine Begegnungszone am Festival, die Wissenschaft näher an das Publikum bringen sollte.
Mit Formaten wie „Meet the Scientist” ging es bewusst darum, sichtbar zu machen, wer die Menschen hinter der Wissenschaft eigentlich sind. Das Publikum blickte dabei hinter die akademischen Titeln und Institutsbezeichnungen der Professor*innen. Hinter der wissenschaftlichen Fassade kamen plötzlich Menschen mit Hobbys, Lieblingsfarben, Hoffnungen und Träumen zum Vorschein. Oder jemand, der zu Hause Ziegen hält und selbst Apfelsaft macht.
„Wenn man diese menschliche Ebene für sich realisiert, hat man gleich mehr Vertrauen zu dem, was diese Menschen sagen.“
Gerade in Zeiten zunehmender Wissenschaftsskepsis ist diese persönliche Ebene entscheidend.
Quantenphysik für alle
Dass selbst hochkomplexe Themen zugänglich werden können, zeigt ein Projekt aus dem Jahr 2024. Durch Quantenverschränkung erzeugte Daten wurden in Noten übersetzt und von zwei Organisten im Linzer Mariendom gespielt. Ein Thema also, das auf den ersten Blick kaum nach niedrigschwelliger Wissenschaftskommunikation klingt.
Doch genau darin liegt eine besondere Qualität der Projekte: Beim Ars Electronica Festival treffen internationale Expert*innen auf Familien, Kinder, Kunstinteressierte und zufällige Besucher*innen. Die Zielgruppe ist, wie es im Gespräch heißt, schlicht „alle“.
Und trotzdem, oder gerade deshalb, gelingt es den Projektteams immer wieder, ihre Arbeit auf ganz unterschiedlichen Ebenen zu vermitteln.
„Die Teams können innerhalb von 30 Sekunden umswitchen und die gleiche Installation […] in ein ganz anderes Erlebnis je nach Zielgruppe verwandeln.“
Die Forschenden selbst sind deshalb während des Festivals vor Ort. Nicht nur, um ihre Installation zu erklären, sondern um über ihre Forschung zu sprechen, Fragen zu beantworten und in direkten Austausch mit den Besucher*innen zu kommen.
Ein bisschen Culture Clash gehört dazu
Dabei treffen nicht nur Wissenschaft und Kunst aufeinander. Auch JKU und Ars Electronica funktionieren nach unterschiedlichen Logiken. Das Team des LIT Sonder-Calls sitzt genau dazwischen. Es koordiniert, übersetzt, vermittelt, löst technische und organisatorische Probleme und begleitet die Projekte von den ersten Informationsgesprächen bis zur fertigen Installation.
Dass das manchmal an Troubleshooting oder Feuerwehrarbeit erinnert, gehört dazu. Gleichzeitig ist über die Jahre eine eigene LIT-Community entstanden. Projektteams tauschen sich aus, helfen einander beim Aufbau oder leihen sich gegenseitig Material.
„Sie wissen auch, dass sie sich auf uns verlassen können und dass sie bei Fragen nicht alleine sind. Ich glaube, das macht auch diesen Call sehr einzigartig.“ meint Denise Atteneder.
Wirkung, die sich nicht immer in Zahlen messen lässt
Wie misst man aber, ob Menschen nach einem Festivalbesuch weniger wissenschaftsskeptisch sind? Oder ob eine Installation tatsächlich langfristig verändert, wie jemand über Forschung denkt?
Einfach ist das nicht.
„Es gibt keine Messung, ob die Menschen jetzt mehr oder weniger Wissenschaftsskepsis haben, nachdem sie das Ars Electronica Festival besuchen.“
Ein Teil der Wirkung zeigt sich deshalb an anderer Stelle: innerhalb der Universität selbst. Die Zahl und Qualität der Einreichungen hat sich über die Jahre entwickelt, Forschende warten inzwischen auf den nächsten Call und Wissenschaftskommunikation gewinnt neben klassischen wissenschaftlichen Kennzahlen zunehmend an Bedeutung.
Der LIT Sonder-Call schafft somit auch einen Anlass, Forschung anders zu denken: Was bedeutet die eigene Arbeit außerhalb des wissenschaftlichen Systems? Wie lässt sie sich mit Menschen diskutieren, die keine Expert*innen sind? Und was passiert, wenn eine andere Disziplin plötzlich Fragen stellt, die man selbst nicht gestellt hätte?
Besonders für Studierende eröffnet der Call die Möglichkeit, eigene Forschungsinteressen in einem außergewöhnlichen Kontext weiterzuentwickeln und bei einem der international bekanntesten Festivals für Medienkunst zu präsentieren.
„Es geht tatsächlich um den Austausch mit der Bevölkerung und nicht nur: ‚Ich mache etwas, um zitiert zu werden.‘“
Wenn nach fünf Tagen plötzlich alles vorbei ist
Nach elf Monaten Entwicklung, unzähligen Abstimmungen und einer intensiven Aufbauphase dauert das eigentliche Festival fünf Tage. Danach wird innerhalb weniger Tage wieder abgebaut.
Was bleibt, ist trotzdem mehr als eine Installation.
Projekte werden weiterentwickelt oder andernorts gezeigt, aus gewonnenen Daten entstehen wissenschaftliche Arbeiten, Kontakte bleiben bestehen und manche Teams reichen beim nächsten Call erneut ein.
Vor allem aber bleibt der Moment, wenn aus einer Idee tatsächlich etwas geworden ist.
Vielleicht erklärt das auch die im Gespräch augenzwinkernd erwähnte „Post-Ars Electronica-Depression“: Nach Monaten voller Deadlines, Culture Clashes, Lösungen in letzter Sekunde und gemeinsamer Arbeit ist plötzlich alles vorbei.
Bis zum nächsten Call.
Dieses Interview ist im Rahmen des EU-Projektes „KreATivita&InovaCZe“ entstanden.
Ziel von KreATivita&InovaCZe ist es, die Sichtbarkeit und Unterstützung der Kreativwirtschaft in Oberösterreich und Südböhmen zu erhöhen, ihre nachhaltige Vernetzung zu fördern sowie auf spezifische Bedürfnisse einzugehen und Weiterbildung, Kooperation und Entwicklung zu fördern.
KreATivita&InovaCZe wird mit Unterstützung der Europäischen Kommission im Programm Interreg Österreich-Tschechien 2021–2027 finanziert.
Ziel von KreATivita&InovaCZe ist es, die Sichtbarkeit und Unterstützung der Kreativwirtschaft in Oberösterreich und Südböhmen zu erhöhen, ihre nachhaltige Vernetzung zu fördern, sowie auf spezifische Bedürfnisse einzugehen und Weiterbildung, Kooperation und Entwicklung zu fördern.
KreATivita&InovaCZe wird mit Unterstützung der Europäischen Kommission im Programm Interreg Österreich-Tschechien 2021-2027 finanziert.
Webseite des Projekts: KreATivita&InovaCZe