Was passt besser zu mir: Agentur, Inhouse oder Selbstständigkeit? Wie viel kreative Freiheit habe ich wirklich? Wo gibt es mehr Sicherheit, wie spricht man über Geld – und muss man sich überhaupt für einen Weg entscheiden?
Diese Fragen standen im Zentrum des letzten Young Creative Club. Zu Gast waren Anna Streitel von PunktFormStrich, Tanja Karlsböck von KEBA und Bettina Friedrich von Atelier April Studios, die drei ziemlich unterschiedliche Perspektiven auf das Arbeiten in der Kreativbranche mitgebracht haben.
Schnell wurde klar: So eindeutig, wie die drei Modelle auf den ersten Blick wirken, sind sie gar nicht. Nicht jede Agentur bedeutet Überstunden und Dauerstress. Inhouse zu arbeiten heißt nicht automatisch, wenig kreativ sein zu können. Und Selbstständigkeit bringt zwar viel Freiheit, aber auch ziemlich viel Verantwortung mit sich.
Viel wichtiger ist die Frage: Welche Art zu arbeiten passt eigentlich zu mir?
Kreativer Freiraum hängt nicht am Jobmodell
Eines der ersten Themen im Gespräch war der kreative Freiraum. Denn gerade rund um Agenturen, große Unternehmen und Selbstständigkeit halten sich einige Vorurteile ziemlich hartnäckig.
Wie viel man tatsächlich gestalten kann, hängt aber oft stärker vom konkreten Umfeld ab als vom Arbeitsmodell selbst.
In kleinen Agenturteams können Hierarchien sehr flach sein und Designer*innen Projekte von der Idee bis zur Umsetzung begleiten. Auch innerhalb eines großen Unternehmens kann viel Freiraum entstehen, wenn Teams selbstorganisiert arbeiten und Entscheidungen eigenständig treffen können.
Und auf der anderen Seite heißt selbstständig zu sein nicht, bei jedem Auftrag völlig frei gestalten zu können. Kund*innen, Budgets, bestehende Marken und Deadlines geben auch dort einen Rahmen vor.
Dazu kommt: Nicht jedes Projekt muss das kreativste Projekt des Jahres sein. Auch Routinen und Aufgaben, bei denen man weiß, wie sie funktionieren, können im Arbeitsalltag angenehm sein, gerade zwischen intensiveren Projekten, bei denen viel Neues entsteht.
Sicherheit oder Freiheit? Beides hat seinen Preis
Ein fixes Gehalt, geregelter Urlaub, ein Team und Benefits auf der einen Seite. Den eigenen Kalender gestalten, Aufträge auswählen und selbst entscheiden, wie viel man wann arbeitet, auf der anderen.
Im Gespräch wurde schnell deutlich, dass es dabei weniger um besser oder schlechter geht, sondern sehr stark um die eigene Persönlichkeit.
Wer viel Sicherheit und Struktur braucht, kann genau diesen Rahmen in einer Anstellung schätzen. Wer gerne selbst entscheidet und mit Unsicherheit gut umgehen kann, findet vielleicht in der Selbstständigkeit mehr von dem, was er oder sie sucht. Denn auch Freiheit muss organisiert werden.
Wenn niemand vorgibt, wann der Arbeitstag beginnt und endet, muss man diese Grenzen selbst setzen. Gerade in einem kreativen Beruf können Arbeit, persönliche Interessen und Freizeit schnell ineinanderfließen.
Gleichzeitig muss die Entscheidung gar nicht immer entweder oder heißen. Eine Teilzeitanstellung und eine nebenberufliche Selbstständigkeit können zum Beispiel eine gute Möglichkeit sein, etwas Eigenes aufzubauen, ohne sofort den gesamten finanziellen Druck darauf zu legen.
Selbstständig sein bedeutet mehr als kreativ arbeiten
Gerade bei der Selbstständigkeit drehte sich viel um die Frage, was eigentlich alles dazugehört, sobald aus einer kreativen Leidenschaft ein Beruf wird.
Denn fotografieren, gestalten oder filmen ist nur ein Teil davon. Plötzlich kommen Buchhaltung, Akquise, Social Media, Website, Kund*innenkommunikation, Preisgestaltung und Positionierung dazu.
Besonders am Anfang spielt das Portfolio eine große Rolle. Wer für bestimmte Arbeiten gebucht werden möchte, sollte genau diese auch zeigen. Dafür muss man nicht darauf warten, dass der perfekte Auftrag von selbst kommt. Eigene Projekte können genauso dabei helfen, das Portfolio in jene Richtung zu entwickeln, in die man später arbeiten möchte.
Gleichzeitig muss auch nicht alles, was man macht, automatisch nach außen. Gerade beim Aufbau einer eigenen Positionierung kann es sinnvoll sein, bewusst auszuwählen, welche Arbeiten die eigene Website oder den Social-Media-Auftritt prägen.
Ein weiterer Punkt: Kontakte.
Gerade wenn man alleine arbeitet, ist ein Netzwerk aus anderen Kreativen enorm wertvoll. Nicht nur, um an Aufträge zu kommen, sondern auch, um sich über Preise, Kund*innen, Equipment, Erfahrungen oder ganz alltägliche Fragen auszutauschen.
Konkurrenzdenken bringt dabei oft weniger weiter als Zusammenarbeit.
Weiterbildung passiert nicht nur im Workshopraum
Auch beim Thema Weiterentwicklung zeigte sich, wie unterschiedlich die Möglichkeiten sein können.
In größeren Unternehmen gibt es dafür oft eigene Budgets, Gespräche und klarere Strukturen. In kleineren Teams entsteht Weiterbildung vielleicht stärker im täglichen Austausch, durch gemeinsames Arbeiten oder bewusst eingeplante Zeit für Experimente.
Und in der Selbstständigkeit muss man sich vieles selbst organisieren: Coachings, Events, Austausch mit anderen Kreativen oder Menschen, deren Arbeit man spannend findet.
Weiterentwicklung passiert aber auch viel beiläufiger. Ein Museumsbesuch, ein Schaufenster, ein Plakat auf der Straße, Social Media oder die Arbeit anderer Kreativer können genauso neue Gedanken anstoßen. Wichtig ist vor allem, neugierig zu bleiben und sich nicht nur innerhalb der eigenen Bubble zu bewegen.
Über Geld sprechen hilft
Spätestens beim Thema Gehalt und Preise wurde es besonders spannend.
Wie weiß ich eigentlich, ob ich fair bezahlt werde? Was kann ich als Berufseinsteiger*in verlangen? Und wie lege ich einen Preis fest, wenn ich selbstständig arbeite?
Gerade in kreativen Berufen fehlen oft klare Vergleichswerte. Kollektivverträge, Gehaltsplattformen oder Branchenübersichten können bei Angestellten zumindest eine erste Orientierung geben. Noch hilfreicher kann es sein, offen mit Menschen in ähnlichen Positionen darüber zu sprechen.
Auch bei einer Gehaltsverhandlung muss es nicht immer nur um die Zahl am Gehaltszettel gehen. Weniger Arbeitszeit, zusätzliche freie Tage oder andere Benefits können genauso relevant sein.
In der Selbstständigkeit muss man diesen Rahmen überhaupt erst selbst festlegen. Gerade am Anfang ist es deshalb schwierig einzuschätzen, was die eigene Arbeit wert ist und welche Preise realistisch sind.
Umso wichtiger ist Transparenz – untereinander, aber auch gegenüber Kund*innen.
Denn je offener über Geld gesprochen wird, desto leichter wird es auch für junge Kreative, die eigene Arbeit einzuordnen.
Man muss sich nicht für einen Weg entscheiden – und dabei bleiben
Vielleicht war das beruhigendste Learning des Abends, dass Karrierewege selten so geradlinig verlaufen, wie sie im Nachhinein oft aussehen.
Man kann in einer Agentur starten und später Inhouse wechseln. Neben einer Anstellung eine Selbstständigkeit aufbauen. Voll selbstständig werden. Oder irgendwann merken, dass man doch wieder Teil eines fixen Teams sein möchte.
Interessen verändern sich, Lebenssituationen verändern sich – und damit darf sich auch die Art verändern, wie man arbeiten möchte.
Gerade am Anfang muss deshalb nicht schon der komplette Karriereweg feststehen.
Viel wichtiger ist, Dinge auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und mit der Zeit herauszufinden, welche Rahmenbedingungen zu einem selbst passen.
Die 5 wichtigsten Learnings aus dem Gespräch
1. Das Arbeitsmodell allein sagt wenig über den Arbeitsalltag aus
Agentur ist nicht automatisch stressig, Inhouse nicht automatisch unkreativ und Selbstständigkeit nicht automatisch maximale Freiheit. Team, Rolle und Unternehmenskultur machen einen großen Unterschied.
2. Überleg dir, welche Rahmenbedingungen du brauchst
Sicherheit, Flexibilität, Team, Verantwortung, Abwechslung oder klare Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit: Was dir wichtig ist, hilft bei der Entscheidung mehr als ein bestimmter Jobtitel.
3. Zeig die Arbeit, für die du gebucht werden möchtest
Gerade in der Selbstständigkeit ist das Portfolio entscheidend. Eigene Projekte können helfen, eine Richtung sichtbar zu machen, auch wenn die passenden Kund*innen noch nicht da sind.
4. Austausch bringt dich weiter
Feedback, Kolleg*innen, andere Selbstständige und Netzwerke helfen dabei, nicht jede Frage alleine lösen zu müssen. Gerade bei Themen wie Preisen und Erfahrungen lohnt sich mehr Offenheit.
5. Du musst dich nicht für immer entscheiden
Karrieren dürfen sich verändern. Agentur, Inhouse und Selbstständigkeit können unterschiedliche Stationen sein – und teilweise auch gleichzeitig funktionieren.
Ein großes Danke an Anna Streitel, Tanja Karlsböck und Bettina Friedrich für das offene Gespräch und die persönlichen Einblicke.
Danke auch an das Nordico Stadtmuseum, dass wir diese wundervolle Location für den Young Creative Club nutzen durften. Und natürlich danke an alle Young Creatives, die dabei waren, Fragen gestellt, eigene Erfahrungen geteilt und mitdiskutiert haben.