Teil der Projekte Creative AI , Future m[eats] Creativity?
Vor allem: Mensch sein.
Wir können immer mehr produzieren, automatisieren und auslagern. Technologien entwickeln sich in einem Tempo, das selbst jene kaum mehr vorhersagen können, die sich täglich damit beschäftigen. Ideen und Inhalte lassen sich in Sekundenschnelle produzieren, Bilder generieren, Texte schreiben, Aufgaben delegieren. Aber wenn plötzlich fast alles möglich ist: Was wird dadurch eigentlich wichtiger? Worauf sollen wir uns fokussieren?
Genau diese Frage zog sich beim ausverkauften Future m[eats] Creativity? 2026 fast überraschend deutlich durch alle fünf Impulse. Im Ars Electronica Center ging es um technologische Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen, um Individualismus und Community, um unsere Beziehung zu künstlicher Intelligenz, um starke Ideen und um Kuration.
Fünf Perspektiven, die an sehr unterschiedlichen Punkten starteten und doch immer wieder bei ähnlichen Fragen ankamen: Was wollen wir mit all den neuen Möglichkeiten anfangen? Was verdient unsere Aufmerksamkeit? Was berührt Menschen wirklich? Und welche Rolle wollen wir selbst dabei spielen?
Zwischen den Impulsen servierte das Team von Rossbarth ein fünfgängiges Menü mit Getränkebegleitung von Helena Jordan (Café Capra), die Gedanken aus den Vorträgen wurden anschließend direkt an den Tischen mit den Impulsgeber*innen weiterdiskutiert.
„Ich glaube, dass der nächste große Trend etwas ganz Simples ist: Mensch sein.“
Tech-Analyst und ehemaliger Head of Digital Transformation bei Daimler, Sascha Pallenberg, eröffnete den Abend mit einem Blick auf internationale technologische Entwicklungen und darauf, wie radikal sich ein Wirtschaftsstandort innerhalb weniger Jahrzehnte verändern kann. Seine Wahlheimat Taiwan wurde durch langfristige Investitionen in Halbleiter, Consumer Electronics und entsprechende Infrastruktur zum Weltmarktführer. Was wir aus seinem Impuls mitnehmen:
- Technologische Entwicklung lässt sich kaum noch seriös vorhersagen. Selbst wer sich täglich mit neuen Technologien, Lieferketten und Investitionen beschäftigt, weiß nicht, welches Modell oder welcher Entwicklungssprung als Nächstes kommt.
- AI ist längst mehr als ein kurzfristiger Trend. Die Geschwindigkeit, mit der Rechenleistung, Infrastruktur und Investitionen wachsen, ist außergewöhnlich und macht Vorhersagen äußerst schwierig.
- Technologie schafft Chancen, aber auch neue Machtfragen. Pallenberg blickte deshalb nicht nur fasziniert, sondern auch kritisch auf die großen Player und ihre zunehmende Marktmacht.
- Je digitaler unser Alltag wird, desto wichtiger wird echter Austausch. Wenn Kommunikation immer stärker über Displays und Filter läuft, gewinnen persönliche Begegnung und das Lernen voneinander an Bedeutung.
„In einer Welt, in der wir kontinuierlich Kommunikation und Interaktion durch ein Display und diverse Filter erleben, wird vor allen Dingen eines extrem wichtig: dass ihr euch austauschen könnt, dass ihr in persönlichen Kontakt kommen könnt.“

„Wir wollen auf der einen Seite Selbstbestimmung und Selbstentfaltung. Gleichzeitig haben wir aber auch das Bedürfnis nach Gemeinschaft.“
Wie viel Ich braucht das Wir und wie viel Gemeinschaft braucht das Individuum? Monika Jiang, Kulturanthropologin, Kuratorin und Gründerin von The Oneliness Project, näherte sich dieser Frage mit einer Parabel von Arthur Schopenhauer: Stachelschweine, die Nähe brauchen, sich dabei aber gleichzeitig gegenseitig verletzen können.
Was wir aus ihrem Impuls mitnehmen:
- Menschen bewegen sich immer zwischen Autonomie und Zugehörigkeit. Wir wollen selbstbestimmt sein und als Individuen gesehen werden und gleichzeitig Teil von etwas Gemeinsamen sein.
- Zu viel Individualisierung hat eine Kehrseite. Einsamkeit, Rückzug und Misstrauen können dort entstehen, wo Gemeinschaft und echte Verbindung fehlen.
- Auch unsere Arbeitswelt braucht Beziehung. Autonomie, Resilienz und Remote Work allein ersetzen nicht das Bedürfnis, gesehen zu werden, zuzuhören und gemeinsam Zeit zu verbringen.
- Community braucht konkrete Orte und Rituale. Begegnung entsteht nicht automatisch. Sie braucht offene Räume, gemeinsame Formate und manchmal sehr einfache, alltägliche Gelegenheiten.
Monika brachte die zentrale Spannung ihres Impulses damit auf den Punkt:
„Wie schaffen wir es, wieder vielleicht ein bisschen zusammenzukommen, ein bisschen näher zu rücken, ohne das Individuum zu vergessen oder zu verlieren?“

„Machen wir aus dieser Technologie die Technologie, die uns zu den Menschen macht, die wir gerne sein wollen?“
Christopher Frauenberger, Gründungsprofessor für Human-Computer Interaction an der neuen IT:U (Interdisciplinary Transformation University Austria), stellte nicht die Frage „Was kann AI?“, sondern eine andere ins Zentrum: Was macht Technologie mit uns und welche Beziehung wollen wir zu ihr gestalten?
Was wir aus seinem Impuls mitnehmen:
- Technologie verändert unser Selbstverständnis. Wenn AI Aufgaben übernimmt, die wir lange als genuin menschlich verstanden haben, müssen wir Begriffe wie Empathie, Verantwortung, Kreativität oder Menschlichkeit neu verhandeln.
- Besonders sensibel wird es dort, wo Maschinen scheinbar Empathie oder Beziehung simulieren. In einem Forschungsprojekt zu AI in der Pflege war Frauenbergers Team wichtig, dass ein System für Menschen mit Demenz nicht den Eindruck erweckt, tatsächlich mitzufühlen. Eine Maschine, die Empathie nur vorspielt, kann schnell in Richtung emotionaler Manipulation kippen.
- Bei Kindern wird diese Frage noch dringlicher. Frauenberger zeigte am Beispiel von Moxy und Snapchat-AI, wie schnell junge Menschen Maschinen als soziales Gegenüber wahrnehmen können. Gerade deshalb müsse sehr bewusst gestaltet werden, welche Rolle solche Systeme in ihrem Alltag einnehmen.
- The good news: Wir können diese Entwicklung mitgestalten. Auf gesellschaftlicher Ebene können Regeln gestaltet werden und im Alltag entscheiden wir selbst, welche Aufgaben wir an AI abgeben und welche nicht.
Seine zentrale Frage:
„Machen wir aus dieser Technologie die Technologie, die uns zu den Menschen macht, die wir gerne sein wollen?“

„Kreativität ist am besten, wenn sie menschliche Insights – oder auch Schwächen – originell auf den Punkt bringt“
Für Dörte Spengler-Ahrens, meistausgezeichnete Kreative Deutschlands und aktuelle Präsidentin des Art Directors Club of Europe, stand die Kraft starker Ideen im Mittelpunkt. In einer Welt mit tausenden Botschaften pro Tag brauche es Kommunikation, die Menschen freiwillig hereinlassen, weil sie überrascht, berührt oder etwas Unerwartetes schafft. Mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung bei Jung von Matt bringt sie einen einzigartigen Blick auf Kreativität mit, den sie mit dem Publikum teilte und dieses auch so manches Mal zum Schmunzeln brachte.
Was wir aus ihrem Impuls mitnehmen:
- AI frisst Kreativität nicht automatisch auf. Richtig eingesetzt, kann sie Möglichkeiten erweitern und kreative Arbeit bereichern.
- Die Idee bleibt entscheidend. Technologie kann bei der Umsetzung helfen, aber sie ersetzt nicht den Gedanken, der etwas überraschend, relevant oder emotional macht.
- Das Durchschnittliche wird für AI besonders leicht. Sprachmodelle arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten und reproduzieren damit zunächst das, was statistisch naheliegt.
- Menschlichkeit bleibt ein kreativer Vorteil. Fehler, Widersprüche, Empathie, Humor und die Fähigkeit zu staunen gehören zu dem, was kreative Arbeit besonders macht.
- Schlechte AI-Kommunikation kann Nähe und Vertrauen sogar schwächen. Gerade dort, wo echte Emotion und Beziehung gefragt sind, kann künstlich wirkende Kommunikation kontraproduktiv sein.
Ihre Kurzform dafür:
„Die KI kann nachmachen, aber sie kann nicht neu machen. Sie wird Kreative nicht fressen, solange sie kreieren.“

„Kuratieren beginnt schon, bevor noch irgendwas am Tisch liegt.“
Mit Christian Hellinger, Chief Creative Officer bei Scholz & Friends Wien und Präsident des Creativ Club Austria, rückte zum Abschluss die Frage in den Mittelpunkt, wie wir aus immer mehr Möglichkeiten überhaupt noch auswählen.
Was wir aus seinem Impuls mitnehmen:
- Kuration wird zur Schlüsselkompetenz. Je größer die Menge an Ideen, Bildern und Inhalten wird, desto wichtiger wird die Fähigkeit, auszuwählen und zu beurteilen: Was ist frisch, relevant, emotional, wirkungsvoll und was kann weg? Genau so beschreibt Christian das Kuratieren von Kreativarbeit. Und: Kuration beginng weit vor der Auswahl fertiger Ergebnisse.
- Wir alle kuratieren ständig, bewusst oder unbewusst. Gerade weil uns immer mehr Bilder, Inhalte und Botschaften umgeben, wählen wir laufend aus, was wir ansehen, ernst nehmen, glaubwürdig finden oder weiterklicken. Dieses Bedürfnis nach Orientierung wird durch AI noch größer.
- Mehr Output bedeutet nicht automatisch mehr Qualität. Mit generativer AI können unzählige Varianten produziert werden. Entscheidend bleibt, welche davon eine Idee, Emotion oder echte Wirkung haben.
- Handwerk wird nicht unwichtiger, nur weil Tools zugänglicher werden. Gestaltung, ästhetisches Urteilsvermögen, Spannung und Ideenentwicklung bleiben erlernte Fähigkeiten.
- Die größte Gefahr ist das Mittelmaß. AI macht es besonders einfach, sauber produzierten, aber austauschbaren Content zu erzeugen.
- Auch Daten müssen kuratiert werden. Wenn immer mehr Inhalte AI-generiert sind, werden Quellenkritik, Überprüfung und Auswahl auch in Strategie und Recherche zentral.
- Empathie und starke menschliche Insights bleiben Differenzierungsmerkmale. Gerade dort entsteht kreative Exzellenz, die nicht einfach repliziert werden kann.
Oder, wie Christian es formulierte:
„Der Satz ‚Das könnte ich aber auch‘ war noch nie so wahr und gleichzeitig noch nie so falsch wie jetzt.“

Was bleibt?
Fünf Impulse, fünf unterschiedliche Perspektiven. Und am Ende überraschend viele Verbindungen.
Je mehr Technologie uns ermöglicht, desto wichtiger wird die Fähigkeit, zu entscheiden. Was wollen wir damit machen? Was lassen wir bewusst bleiben? Was ist relevant und was nur mehr vom Gleichen?
Je einfacher es wird, Content zu erzeugen, desto wichtiger werden Ideen, Urteilsvermögen und Kuration.
Je häufiger wir mit Maschinen kommunizieren, desto wertvoller werden echte Begegnungen und Beziehungen.
Je stärker AI in Bereiche vordringt, die wir lange für zutiefst menschlich gehalten haben, desto dringlicher wird die Frage, welche Menschen wir selbst sein wollen.
Und vielleicht liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis dieses Abends: Die neuen Möglichkeiten nehmen uns Entscheidungen nicht ab. Im Gegenteil. Sie verlangen uns mehr davon ab. Darüber, was wir produzieren. Was wir glauben. Was wir weitergeben. Welche Beziehungen wir gestalten. Und wofür wir unsere Zeit, Aufmerksamkeit und Kreativität einsetzen.
Wer du diese Fragen weiterdenken und ins eigene Tun übersetzen möchtest: Genau dafür schaffen wir in der Creative Region Räume. In unseren nächsten Workshops geht es u.a. um Sichtbarkeit in Zeiten von KI (15.10.), Wie unsere Kommunikation wieder menschlicher wird (22.10.) und darum, wie Marken echte Zugehörigkeit schaffen (1.12.). Vielleicht ist der passende nächste Schritt für dich dabei?